NOFX: Die Hepatitis-Badewanne und andere Storys

NOFX: Die Hepatitis-Badewanne und andere Storys

Edel

VÖ: 02.02.2017

 

Wertung: 11/12

Tipp!

 

Wer musikinteressiert ist und die 90er nicht gerade verschlafen oder aufgrund später Geburt sowieso verpasst hat, wird zumindest den Namen NOFX schon mal gehört haben. Im Zuge des großen Punkrevivals, welches Green Day und The Offspring an die Spitze der Charts führte, konnten auch NOFX Erfolge feiern. Dies geschah zwar alles ein paar Nummern kleiner, dafür aber zu den Bedingungen der Band. NOFX verweigerten sich nämlich komplett den gängigen Marktmechanismen und ließen sich nicht vor irgendeinen Karren spannen. Interviews gab es nur sporadisch, Singles wurden gar nicht erst ausgekoppelt und Videos gab es auch nicht. Man blieb auch, bis zum Wechsel zum Label von Fat Mike, Brett Gurewitz und Epitaph treu. Die Band hatte nicht nur feste Prinzipien, sondern war auch anders als andere Kapellen. Die ganze ungeschönte Wahrheit kann man nun in „Die Hepatitis-Badewanne und andere Storys“ nachlesen. Man wird vermutlich dieses Jahr kein vergleichbares Buch mehr zu lesen bekommen – in jeglicher Hinsicht.

 

Man braucht gute Augen für dieses Buch. Zumindest die älteren Punkrocksemester unter uns. Es wurde hier sehr viel Text auf das jeweilige Blatt gebannt. Auf den knapp 370 Seiten kriegt man doch eine ganze Menge Lesestoff geboten, der auch ganz locker über weitere 100 Seiten hätte gestreckt werden können.  Schwarzweiß Fotos aus der jeweiligen NOFX-Epoche gibt es auch zu sehen. Leider kriegt man diese ohne weitere Erklärungen, Anmerkungen oder Bildbeschreibung (wer ist wer?) vor den Latz geknallt. Dies ist insofern schade, da dieses Buch eben auch Nichtfans an das Herz gelegt werden kann und diese Leser dann naturgemäß die Protagonisten auf den Fotos sicherlich nicht zuordnen können.  Der Aufbau des Buches ist aus zeitlicher Sicht chronologisch erfolgt. Die Bandmitglieder erzählen die jeweiligen Begebenheiten aus der eigenen Sichtweise. Dies kann zur Folge haben, dass sich die Erinnerungen da mitunter etwas unterscheiden oder Lücken bei dem Einen durch den Kollegen geschlossen werden.

 

Bei der deutschen Übersetzung wurde offensichtlich ein guter Job gemacht. Das liest sich alles wie eine Unterhaltung mit Freunden, sprich: Frei Schnauze. Der Wortwitz des jeweiligen Erzählers ist durch die Übertragung aus dem Englischen glücklicherweise nicht verloren gegangen – im Original von Jeff Alulis aufgezeichnet. Übrigens hat man es auch geschafft die Ex-Bandmitglieder einzubinden und somit gibt es auch deren jeweilige Sicht auf die Dinge. So wird einem ein wirklich umfassendes Bild über diese Band geboten.

 

Muss man NOFX-Fan sein, um dieses Buch zu lesen? Auf gar keinen Fall! Selbst, wer noch nie einen einzigen Song der Band gehört hat, wird dieses Werk verschlingen. Um Musik und Aufnahmeprozesse geht es auch nur am Rande. Man sollte allerdings keine Scheu vor den menschlichen Abgründen haben. Für Zartbesaitete könnte der NOFX-Stoff zu hart, verstörend und abartig sein. „The Dirt“ von Mötley Crüe wirkt dagegen wie ein Kinderbuch! Natürlich hat der Leser kaum eine Möglichkeit zu überprüfen, ob sich das hier Erzählte auch tatsächlich alles so ereignet hat. Unterhaltsam ist es aber so oder so – wenn man offen dafür ist. Man glaubt trotzdem jedes Wort, weil es sich sehr authentisch liest. Das sind auch keine Heldengeschichten und die Band inthronisiert sich auch nicht als solche. Da werden die Ausschweifungen auch nicht stilisiert. Das ist zudem alles ziemlich uneitel. Es dürfte kaum ein Buch über eine etablierte Band geben, in dem die Musiker derart oft erzählen, wie schlecht die eigene Musik und die Konzerte waren. Musikerbiografien werden ja oft als die ungeschminkte Wahrheit angepriesen, bei „Die Hepatitis-Badewanne und andere Storys“ hat man das Gefühl, dass dies dann endlich auch mal stimmt und nichts geschönt oder erfunden wurde. Sollte dies doch der Fall sein: Chapeau, gut gemacht!

 

Natürlich besticht das Buch durch seinen unterschwelligen Humor, aber oft genug bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Die Geschichte von NOFX ist – auch wenn die einzelnen Bandmitglieder nur am Rande als Beobachter dabei standen – mit Toten und Junkies gepflastert. Drogen, Alkohol und sämtliche Abartigkeiten des Lebens waren der tägliche Begleiter. Mittlerweile sind die Jungs ja Familienväter, die auch eine gewisse Verantwortung haben. Die sexuellen Vorlieben, die Lieschen Müller vermutlich nicht teilen wird, sind natürlich geblieben. Da sind getrunkene Pisse oder Fesselspiele dann eher unter normal zu verbuchen.

 

Man bekommt natürlich auch einen Einblick in die Kindheit – wie zu erwarten, die verlief nicht ganz so reibungslos -, die Punkrockszene der 80er, gepaart mit Gangmentalität, Vergewaltigungen, Alkohol- und Drogensucht, Beschaffungskriminalität, das Leben als Junkie, aber auch die erste Tour nach Europa und der Aufstieg zu einer Band, die mehr als 8 Millionen Tonträger verkauft hat, geboten. Im Grunde ist es aber ein Wunder, dass – insbesondere – Fat Mike, Eric Melvin und Erik Sandin noch am Leben sind.

 

Fazit: Die Lektüre von „Die Hepatitis-Badewanne und andere Storys“ ist sehr kurzweilig, schockierend, abstoßend und faszinierend zugleich. Man muss kein Fan von NOFX sein, um dieses Buch zu lesen. Man sollte allerdings keine Scheu vor Abartigem haben – dann bitte unbedingt die Finger davon lassen! Der Aufbau – ein jedes Bandmitglied erzählt aus der eigenen Perspektive – ist sehr gelungen und trägt zum guten Gesamteindruck bei. Die deutsche Übersetzung überzeugt und nimmt der Geschichte nicht ihren Wortwitz. Es gibt übrigens sehr viel Text, man hätte sich da als älteres Semester über eine etwas größere Schrift gefreut. Das Buch ist jedenfalls bis zum Bersten gefüllt – etwas Vergleichbares wird man dieses Jahr ganz sicher nicht mehr lesen! Die Red Hot Chili Peppers können hier übrigens nachlesen, was aus ihrem geklauten Bühnenoutfit geworden ist und wozu es verwendet wurde. Wie gesagt: nichts für Zartbesaitete!

 

http://www.nofxofficialwebsite.com/

http://www.edel.com/buch/edel-books/

 

Text: Torsten Schlimbach

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