Rabbi Shmuley Boteach: Die Michael Jackson Tapes

Rabbi Shmuley Boteach: Die Michael Jackson Tapes

Hannibal Verlag

VÖ: 15.08.2011

 

Wertung: 6/12

 

Jetzt gibt es Einblicke in die Welt von Michael Jackon, die es vorher so noch nicht gab. Oder vielleicht doch nicht? Das Buch „Die Michael Jackson Tapes“ lässt einen letztlich dann auch wieder ratlos zurück. Angeblich hat sich Michael Jackson genau eine solche Veröffentlichung immer gewünscht. War der Autor – Rabbi Shmuley Boteach – aber nicht auch sein Therapeut? Gibt es da nicht auch so eine Art Ehrenkodex? Wer will jetzt nachprüfen, ob Jackson wirklich an einer derartigen Buchveröffentlichung interessiert gewesen wäre. Im Vorwort heißt es „es war Michael Jacksons dringlichster Wunsch, dass dieses Buch publiziert wird. Es enthält die intimsten, authentischsten, schmerzhaftesten und erhellendsten Gespräche, die er jemals zur Veröffentlichung freigab."

 

Aber warum jetzt erst? Auch da zaubert Boteach eine plausible Erklärung aus dem Hut: nach den erneuten Anschuldigungen in den 00er Jahren, machte eine Veröffentlichung keinen Sinn mehr. Natürlich macht die Veröffentlichung jetzt nach dem Tod von Michael Jackson ja Sinn, wir sollen ja den „wirklichen Michael“ kennenlernen. Ist schon klar, andere irdische und materielle Gründe spielen dabei selbstverständlich keine Rolle. Und dass, das Verhältnis zu Jackson eigentlich abgekühlt war, kann man ja auch unberücksichtigt lassen. Es gibt da doch ein paar Ungereimtheiten, die man hinterfragen und überdenken sollte.

 

Wer ist dieser Rabbi Shmuley Boteach überhaupt? Er hat nicht nur 21 Bücher veröffentlicht, sondern auch schon viele preisgekrönte Kolumnen. Er lehrte zudem elf Jahre an der Oxford University und gehört zum engen Beraterkreis von Oprah Winfrey für ihre Show „Oprah and Friends“. Der Mann bekommt also Anerkennung aus allen Ecken und trotzdem sind seine Motive für dieses Buch nicht eindeutig!

 

„Die Michael Jackson Tapes“ sind lesenswert – gar keine Frage. Man muss sich nicht mal besonders für Jackson und seine Musik interessieren, um hier am Ball zu bleiben. Einmal angefangen zu lesen, wird man so schnell nicht mehr aufhören. Trotzdem ist es teilweise unerträglich, was der Autor hier vom Stapel lässt. Man hat zeitweise das Gefühl, dass man hier die Niederschrift eines Gurus liest. Es gibt nur eine Wahrheit und das ist die von Boteach. So kommt er beispielsweise immer wieder auf die die problematische Beziehung von Jackson zu Frauen zu sprechen. Den Grund kennt der Rabbi selbstverständlich. Der kleine Michael hat ja schon in frühster Kindheit mit Stripperinnen zu tun gehabt und dadurch wurde selbstverständlich sein Frauenbild zerstört. Auch der – angeblich – immense Konsum von Jackson an Pornografie hat nachhaltig dazu beigetragen. Aha.

 

Das Vorwort zieht sich über fast ein Drittel des Buches. Hier lässt sich Boteach über die Beerdigungszeremonie sehr negativ aus und prangert an, dass die Familie daraus einen Zirkus gemacht hat, schafft es aber selber in seinem Nachruf auf Jackson noch Vergleiche zu der Starwelt und Botox zu ziehen. Nun denn. Dass der Autor tatsächlich im Besitz dieser sehr umfangreichen Gesprächtapes ist, muss man nicht anzweifeln, denn das wäre sicher sehr einfach nachprüfbar. Auch die Fragen weisen sehr viel Substanz auf. Der weitere Aufbau des Buches liest sich dann auch wie ein sehr langes Interview. Allerdings ist es absolut störend, dass sich der Rabbi hier immer in den Vordergrund spielt und ständig irgendwie den Menschen Michael Jackson analysiert und dem Leser so eine – nämlich seine – Wahrheit verkauft. Man kann davon ausgehen, dass dazu ein jeder Leser selbst im Stande wäre. So wiederum gibt es erneut ein sehr verzerrtes Bild von Jackson! Es gibt auch immer den erhobenen Zeigefinger von Boteach.

 

In den Gesprächen wird viel über die Familie Jackson reflektiert. So erfährt man noch mal, wie die Kinder aufwuchsen und was sie für eine Angst vor ihrem Vater hatten. Die besondere Beziehung von Michael Jackson zu seiner Lehrerin kommt dabei auch noch mal zur Sprache und dass er sich mit seiner Schwester Janet bis zu ihrem Tod um sie gekümmert hatte. Was er über seinen Vater sagt ist ja nicht neu, aber wenn man noch mal liest, dass er die Kinder einölte, bevor es eine Tracht Prügel setzte, dann ist das schon wieder eine neue Dimension. Fehlende Liebe ist auch immer wieder ein Thema. So sprach Jackson tatsächlich Leute auf der Straße an, ob sie nicht seine Freunde sein wollten. Natürlich kommt auch die Beziehung zu Kindern immer wieder zur Sprache. Sie waren letztlich der einzige Grund, warum Jackson überhaupt leben wollte. Was an den Anschuldigungen dran ist, kann hier natürlich nicht abschließend geklärt werden. Manche Aussagen von Jackson unterstreichen natürlich auch das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hat - gerade dann, wenn er sich als Heilsbringer sieht.

 

Vieles in diesem Buch befasst sich auch mit Religion. So darf man lesen, dass Jackson eigentlich auch noch auf dem Höhepunkt seiner Karriere loszog um die Zeitung das Zeugen Jehovas an die Frau und den Mann zu bringen. Abermals unerträglich wird es aber, wenn Boteach versucht seine Sicht der Dinge zu erklären. Das geschieht schon fast mit dem missionarischem Eifer eines Gurus. Zum Schluss versucht er sogar Jackson zu bekehren und ihm letztlich seine Meinung aufzuzwingen. Komisch, dass das Verhältnis abgekühlt ist, nicht wahr Herr Boteach?

 

Fazit: „Die Michael Jackson Tapes“ von Rabbi Shmuley Boteach sind eine zwiespältige Angelegenheit. Die Interviewpassagen gewähren einen tiefen Einblick in die Seele des einsamen Menschen hinter der Fassade des Superstars. So intime Gedanken und O-Töne gab es bisher noch nicht von ihm zu lesen oder hören. Die Wertungen und der missionarische Eifer des Autors ist allerdings stellenweise kaum zu ertragen. Eigentlich hätte man die Gespräche so veröffentlichen können, eine Gebrauchsanleitung des Rabbis wäre dafür nicht nötig gewesen.

 

http://www.hannibal-verlag.de/

 

Text: Torsten Schlimbach

S U C H E
Loading

Empfehlen Sie diese Seite auf:

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch