U2: iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris (Blu-ray)

U2: iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris (Blu-ray)

Universal

VÖ: 10.06.2016

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Das dritte und vierte Konzerte der „iNNONCENCE + eXPERIENCE“ Tour von U2 in Paris war für die Fans, aber auch für die Band sicherlich nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Natürlich sind Live-Shows der vier Iren immer etwas Besonderes, aber der 6. und 7. Dezember 2015 war noch mal emotionaler. Drei Wochen nach den Terroranschlägen waren dies die ersten Großveranstaltungen, die in Paris genehmigt wurden. Es ist ja bekannt, dass U2 die Eagles Of Death Metal - die am 13.11. im Bataclan spielten, als sich dort jener schrecklicher Terrorakt mit vielen Toten ereignete - zum letzten Konzert der Tour eingeladen hatten. Zusammen spielte man eine emotionale Version von „People Have The Power“ und dann überließen U2 den Eagles Of Death Metal komplett die Bühne für deren „I Love You Alle The Time“. Eine große und richtige Geste. Da braucht es auch nicht vieler Worte. Die Signalwirkung ist klar: der Rock and Roll lässt sich nicht unterkriegen. Gerade für das Pariser Publikum war dies das richtige Zeichen. Dass Jesse Hughes ein kompletter Vollhorst ist, der ein reaktionäres Weltbild hat, weiß man ja nicht erst seit seinen Äußerungen, die er seit dem Anschlag im Bataclan immer wieder in die Welt hinausposaunt. Das war vorher schon alles bekannt. Das alles dürfte auch U2 und deren Umfeld bekannt gewesen sein. Umso beachtlicher war diese Einladung. Davon kann man sich jetzt auch noch mal auf der Blu-ray, die neben einer Einzel-DVD, Doppel-DVD und Deluxe Ausgabe von „Live In Paris“ veröffentlicht wird, überzeugen (lassen).

 

Die Tour von U2 startete im Mai 2015 in Vancouver und schlug in 22 Städten in Nordamerika und Europa ihre Zelte auf. Oder besser gesagt: die 30 Meter hohe LED Wand, der 35 Meter lange Steg und das Soundsystem, welches Maßstäbe setzte. U2 schafften abermals das Kunststück, mit dieser Produktion zu überraschen und die Möglichkeiten einer Hallen-Show auf ein neues Level zu heben. Bei all den Superlativen und der minutiös choreographierten Live-Show gelang es der Band allerdings auch - im Rahmen der Gegebenheiten - eine intime Atmosphäre herzustellen, die die Zuschauer auch berührte. Und natürlich wurde es auch politisch. Wie könnte es auch anders sein bei der weltpolitischen Lage und den vielen Menschen auf der Flucht?! Aber Bilder – in diesem Fall auf der riesigen LED Wand - sagen eben mehr als Worte. U2 machten fast alles richtig. Jetzt könnte man bemängeln, dass da natürlich wenig Spielraum für Spontanität blieb, aber wäre dann tatsächlich Jammern auf ganz hohem Niveau. Im Verlaufe der Tour baute die Band ja auch immer wieder kleine Schmankerl für die Fans ein und dann wurde auch ein Konzert, von dem man eigentlich einen Standard-Auftritt erwartete, zu einem emotionalen Höhepunkt. Selbst bei Anhängern, die eigentlich nur noch aus Gewohnheit zu den Konzerten pilgerten, wurde das Feuer, welches nur noch auf Sparflamme loderte, wieder entfacht. Live sind U2 einfach eine Macht. Auch davon erzählt „Live In Paris“.

 

Fangen wir aber mal mit dem Bonusmaterial an. Dies ist nämlich überraschend üppig ausgefallen. Gerade für Sammler sind da viele feine Sachen dabei und man kriegt aus der „Songs Of Innocence“-Ära praktisch alles geboten. Da darf man sich über die Videos zu „Ordinary Love“, „Invisible“ und „The Miracle (Of Joey Ramone)“ freuen. Der eindringliche Kurzfilm zu „Every Breaking Wave“ ist ebenso enthalten wie selbiger von „Song For Someone“. Dazu gibt es dann auch noch ein kurzes (und verzichtbares) Making Of/Behind The Scenes zu sehen. Den Abschluss in dieser Sektion bildet das Video von „Song Of Someone“. Schön, dass auch selbiges auf der Veröffentlichung vertreten ist, auch wenn das alles andere als eine künstlerische Meisterleistung ist. Folgerichtig sind Larry, The Edge und Adam auch gar nicht erst am Set erschienen und nur Bono darf sich da austoben. Seinen Jüngern wird es so oder so egal sein.

 

Etwas unglücklich ist es allerdings, dass die Bonussektion mit „Cedarwood Road“ startet. Das guckt man sich das berühmte eine Mal an und dann vermutlich nie wieder. Ist doch etwas anstrengend für die Augen. Das hochtrabend als „A Gavin Friday Narration“ bezeichnete Video ist im Grunde nichts anderes als die Animation/Visuals für den Song. Selbige gibt es auch noch von „The Wanderer“ mit dem animierten Gesicht von Johnny Cash. Im Vorfeld gab es ja hier und da die Hoffnung, dass von „The Troubles“ die Live-Umsetzung vertreten wäre. Auch hierbei handelt es sich aber nur um die Studio-Version und eine visuelle Umsetzung, bei der nur Bono und Lykk Li zu sehen sind. Aber auch das ist ganz nett, dass man das auf diese Blu-ray gepackt hat.

 

Mitunter hätte man ein Making Of und Behind The Scene beim Bonusmaterial unterbringen können. Was hier etwas großspurig als „i + e Behind The Scenees With The Director“ angekündigt wird, entpuppt sich doch etwas als Luftblase. Die fünf Minütchen sind da wenig aufschlussreich. Dass es da eine Art Drehbuch gab, ist jetzt sicher keine neue Erkenntnis. Da große Teile der Show komplett choreographiert waren, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Kameraeinsätze im Vorfeld schon feststanden. Wie der begehbare Screen arbeitet und welches Konzept hinter der Show steht und steckt, wird nicht erläutert. Ein paar O-Töne der einzelnen Bandmitglieder wären zumindest ganz nett gewesen.

 

Dafür gibt es dicke Zusatzpunkte für die drei weiteren Live-Tracks, die eine echte Bereicherung für die Bonusabteilung darstellen. „Out Of Control“ vom 6. Dezember und „The Electric Co.” vom 11. November unterstreichen nachhaltig, dass U2 auch eine Rockband ist. Und dann wäre da noch „Bad/People Have The Power“, ebenfalls vom 6. Dezember. Die wunderbare Patti Smith kommt dazu auf die Bühne und nimmt die große Halle mit ihrer Aura komplett gefangen. Die Frau hat eine Präsenz und immer noch eine kraftvolle Stimme – Wahnsinn. Dies alles kann übrigens nicht nur in PCM Stereo genossen werden, sondern in DTS-HD Master Audio 5.1! Da kommt Konzertfeeling auf.

 

Und noch eine kurze, persönliche Anmerkung: eine Veröffentlichung, bei der „Bad“ gleich zwei Mal enthalten ist (Hauptfilm und Bonusmaterial), muss sowieso als sensationell bezeichnet werden. Vom dem magischsten Live-Song aller Zeiten kann es nicht genug Veröffentlichungen geben! Alles in allem ist das Zusatzmaterial – gerade für Fans – als „Nice To Have“ zu bezeichnen. Bei anderen Musikproduktionen hat man schon wesentlich Schlechteres geboten bekommen. Punktlandung.

 

Die technische Seite dieser Blu-ray hinterlässt einen euphorischen bis zwiegespaltenen Eindruck. Die Auflösung von 1080p kann vollends überzeugen.Die Qualität ist hervorragend. Ein Großteil der Aufnahmen erstrahlt in allerfeinstem HD. Das Bild ist gestochen scharf mit einem sehr hohen Detailgrad und enormer Plastizität versehen. Auch farblich wirkt das Bild über die volle Distanz sehr gut ausbalanciert. Der Schwarzwert ist ebenfalls herausragend und selbst in den dunklen Szenen überzeichnet das Bild nicht. Zumindest nicht erkennbar. Filmkorn ist so gut wie überhaupt nicht vorhanden. Auch die S/W Aufnahmen bei „The Fly“ (dazu später noch mehr) lassen da keinen Qualitätsabfall erkennen. Hin und wieder gibt es ein paar Fokussierungsprobleme, was aber wohl von Hamish Hamilton als Stilmittel eingesetzt wurde. Warum auch immer.

 

Eigentlich hätte diese Blu-ray durchaus das Zeug als Referenzwerk durchzugehen. Warum das nicht so ist? Da kann man sich bei Hamilton bedanken. Bei allem Respekt, aber die Kameraführung ist hin und wieder katastrophal. Gerade der Auftakt ist mit „The Miracle (Of Joey Ramone)“ und besonders „Vertigo“ und „I Will Follow“ ein derartiges Brett, da muss man nicht noch hektische Kameraschwenks auffahren. Ja, das ist mittlerweile bei einer solchen Produktion so üblich, macht es aber in meinen Augen nicht besser. Ganz schlecht sind auch die Nahaufnahmen. Man hat fast zu keiner Zeit das Gefühl, dass man mal so richtig frontal auf die einzelnen Bandmitglieder guckt. Besonders bei Bono ist das richtig schlimm und da wurde nur von unten nach oben gefilmt. Natürlich hat man als Zuschauer während des Konzerts eine ähnliche Perspektive und genau darum wäre es eben umso schöner, bei einer solchen Veröffentlichung mal einen etwas anderen Blickwinkel zu gewinnen. So wird – obwohl man den Protagonisten eigentlich sehr nahe ist – die Distanz nur in seltenen Fällen abgebaut. Wie es besser geht, zeigt die Umsetzung bei „Even Better Than The Real Thing“, wo die Band ja bekanntlich im Screen agiert. Die Kameras, die für die Projektionen für den Screen verantwortlich sind, wurden da aber wunderbar mitgenutzt. Richtig gut wurde bisweilen das Geschehen auf dem Screen eingefangen und da hat man auch beim Schnitt das richtige (und ruhige) Händchen bewiesen. Gerade der Dublinpart mit „Iris (Hold Me Close)“, „Cedarwood Road“ und „Song For Someone“ ist schlichtweg brillant. Wer da nicht mehrere Shows aus verschiedenen Perspektiven gesehen hat, wird da noch Neues entdecken können. Klasse. Hier wird dann auch noch mal bestätigt, dass dies im Grunde ein tolles Showkonzept ist und gerade die Fans an die Hand genommen und in die Jugendzeit der Band mit nach Dublin genommen werden. Ebenfalls kann man die vielen Köpfe, Hände und Smartphones, die immer wieder im Bild sind, als sehr störend empfinden. Es scheint gar so, als wären manche Kameras einfach falsch platziert worden. Unter dem Strich ist das Zusammenspiel aus Bild, Schnitt und Kameraführung natürlich als gut bis sehr gut zu bezeichnen, aufgrund der erwähnten Patzer ergibt das in der Summe aber eben kein Referenzwerk und Abzüge in der B-Note.

 

Ganz anders sieht es beim Ton aus. Mein lieber Herr Gesangsverein, der kann schon einiges. Da kommt richtige Konzertstimmung auf. Das scheint insgesamt sehr basslastig zu sein, sprich Herr Clayton war noch nie so gut abgemischt und zu hören. Wohlgemerkt: es geht dabei nicht um Lautstärke und dieses Bassgewummer, um in der Nachbarschaft die Gläser im Schrank klirren zu lassen. Das hat ja nichts mit einem guten Sound zu tun. „Live In Paris“ ist ganz fein austariert, da sind viele Feinheiten zu hören und den Bass kann man fast mitsingen. Insgesamt ist die Abmischung sehr ausgewogen. DTS-HD Master Audio 5.1 wie es bei einer Konzert Blu-ray sein sollte! Der Sound ist kraftvoll und voluminös und die hohen und mittleren Töne derart klar und differenziert, dass man jede einzelne Gitarrennote und jeden einzelnen Beckenschlag wahrnehmen kann. Die Surround-Kanäle werden ordentlich beansprucht. Mit dem richtigen Equipment kann man sich da wieder in die Konzerthalle versetzen lassen. Beide Daumen hoch.

 

Das Konzert mag aufgrund der Umstände und des Endes besonderes gewesen sein und doch bildet diese Veröffentlichung die gesamte Tour ganz gut ab. Die Band legte da eine mitreißende Spielfreude an den Tag. Bono sagt seit Jahren vor jeder Albumproduktion, dass The Edge „On Fire“ wäre. Auf dieser Tour war er es! Es hat den älteren Herren sichtlich Spaß gemacht und das wirkt keineswegs aufgesetzt. Nach dem schon erwähnten Auftaktbrett und dem Dublin-Block gibt es mit „Sunday Bloody Sunday“ in dieser Version einen kleinen Hänger, aber spätestens mit „Raised By Wolves“ und „Until The End Of The World“ geht die Post wieder richtig ab.

 

Selbst für Fans, die auf dieser Tour viele Konzerte gesehen haben, gibt es auf dieser Blu-ray noch ein Schmankerl zu entdecken. Bei „The Fly“ wird nämlich keineswegs nur der Screen abgefilmt und das kommt auch nicht vom Band. Und nein, da singt diesmal auch nicht Gavin Friday, sondern Bono und zwar live in der Unterwelt – während zwei bis drei Damen gleichzeitig um ihn herumturnen und ihn umziehen und vom Schweiß befreien. The Edge macht derweil noch ein paar Streckübungen, während sich Larry und Adam eine kurze Pause Verschnaufpause gönnen. Hat man so auch noch nicht gesehen. Zu „Elevation“ werden dann ein paar von den all jenen auf die Bühne geholt, die bei anderen Shows an dieser Stelle schon mit U2 auf der e-Bühne standen und die für das Pariser Konzert extra eingeflogen wurden. Beim Politik-Block aus „October“, „Bullet The Blue Sky“ – übrigens eine überragende Version, die Pause auf der letzten Tour hat der Nummer hörbar gut getan – und „Zooropa“ darf man schon mal schlucken. Die Bilder werden kaum einen kalt lassen. „Where The Streets Have No Name“ ist natürlich immer ein Höhepunkt, gleichwohl das etwas unglücklich gefilmt zu sein scheint und man das Gefühl hat, dass die entscheidenden Momente eben nicht eingefangen wurden. Zu „City Of Blinding Lights“ wird dann noch mal ein Fan auf die Bühne geholt. Der Junge verdient den Namen Fan auch, seine Tattoos zeugen jedenfalls von einer ganz besonderen Liebe zu U2. „Bad“ wurde zwar editiert, aber das auf eine sehr gute und angenehme Art und Weise – das wird kaum auffallen. „One“ wird selbstverständlich von der ganzen Halle gesungen und dann gibt es noch mal die schon erwähnte emotionale Achterbahnfahrt mit den Eagles Of Death Metal. Ein herausragendes Konzert – im U2-Kontext sicher unter historisch zu verbuchen.

 

Fazit: „iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris” ist ein tolle Blu-ray, die aufgrund des Schnitts und der Kameraführung nicht ganz als Referenzwerk mit Höchstwertung taugt. Warum man im Bonusmaterial nicht auf die Idee gekommen ist, den Screen, das Konzept und die Konstruktion etwas näher zu beleuchten, bleibt auch ein Rätsel. Insgesamt ist die Bonussektion aber sehr umfangreich ausgefallen und kann aus dieser Warte vollends überzeugen. Insgesamt gibt es auf dieser Blu-ray satte vier Stunden zu bewundern. Der Ton ist sensationell und da stellt sich schon echtes Konzertfeeling ein. Das Konzert selber ist herausragend. Eins werden solche Veröffentlichung aber nie leisten können: ein Konzert ersetzen. Die Magie, die gerade von einer Band wie U2 ausgeht, gibt es eben nur in echt und nicht aus der Konserve. Nichtsdestotrotz ist das natürlich eine Blu-ray, die man dieses Jahr gesehen und gehört(!) haben sollte.

 

http://www.u2tour.de/

http://www.u2.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

 

Tracklist:

 

1. People Have The Power
2. The Miracle (Of Joey Ramone)
3. Vertigo
4. I Will Follow
5. Iris (Hold Me Close)
6. Cedarwood Road
7. Song For Someone
8. Sunday Bloody Sunday
9. Raised By Wolves
10. Until The End Of The World
11. The Fly
12. Invisible
13. Even Better Than The Real Thing
14. Mysterious Ways
15. Elevation
16. Every Breaking Wave
17. October
18. Bullet The Blue Sky
19. Zooropa
20. Where The Streets Have No Name
21. Pride (In The Name Of Love)
22. With Or Without You
23. Stephen Hawking 'Global Citizen'
24. City Of Blinding Lights
25. Beautiful Day
26. Mother & Child Reunion
27. Bad
28. One
29. People Have The Power (With Eagles Of Death Metal)
30. I Love You All The Time (Eagles Of Death Metal)

Bonus Material:

1. Cedarwood Road – A Gavin Friday Narration
2. Out Of Control (December 6th 2015 – Paris)
3. The Future Better Hurry Up
4. The Electric Co. (November 11th 2015 - Paris)
5. i + e - Behind The Scenes With The Director
6. Bad / People Have The Power (With Patti Smith - December 6th 2015 - Paris)
7. The Wanderer
8. The Troubles
9. Music Videos
1. Ordinary Love
2. Invisible
3. The Miracle (Of Joey Ramone)
4. Every Breaking Wave - A Film By Aoife Mcardle
5. Song For Someone (Directed By Vincent Haycock)
6. Song For Someone (Behind The Scenes)
7. Song For Someone (Directed By Matt Mahurin)

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