Placebo: MTV Unplugged (Limited Deluxe Box)

Placebo: MTV Unplugged (Limited Deluxe Box)

Universal

VÖ: 27.02.2015

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Früher war nicht alles besser, aber früher war „MTV Unplugged“ noch ein Ereignis. Bei diesem Format aufzutreten kam einem Ritterschlag gleich und in den Wohn- und Kinderzimmern dieser Welt rotteten sich jede Menge Jugendliche zusammen um die Konzerte auf dem Bildschirm gebannt zu verfolgen. Heute kräht im Grunde kein Hahn mehr danach und letztlich findet das unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Gut, dass es den Zweitmarkt gibt, der mittlerweile ja auch wesentlich wichtiger ist. Die Fans kaufen sich ja sowieso die CD, DVD oder Blu-ray. Einen besseren Veröffentlichungszeitpunkt wie das Weihnachtsgeschäft gibt es dafür nicht. „MTV Unplugged“ von Placebo dürfte somit jede Menge dankbare Abnehmer finden.

 

Der geneigte Placebo-Fan darf sich momentan ja sowieso freuen, denn die Studioalben werden gerade auf Vinyl neu aufgelegt und „MTV Unplugged“ wird da sicher auch gerne genommen. Über 20 Jahre erspielte sich die Band ja auch eine treue und große Anhängerschaft. Brian Molko und Stefan Olsdal haben ja schon mehrfach bewiesen, dass die wuchtigen Songs der Band auch gut in ein Akustikgewand passen. Die beiden wählten nun trotzdem noch mal einen etwas anderen Ansatz und griffen nicht nur auf die bekannten Arrangements zurück.

 

Es ist ja bekannt, dass „MTV Unplugged“ die Künstler immer wieder zu Höchstleistungen anstachelt. Besondere Abende und Veranstaltungen sind immer wieder das Ergebnis. Placebo haben alles gewagt und alles gewonnen! Man höre sich nach dem Solo-Auftakt von Molko mit dem eindringlichen „Jackie“ nur „For What It´s Worth“ an. Das treibende Stück kriegt plötzlich ein paar arabische, aber auch indische Klänge verpasst, nur um im nächsten Moment abzubrechen um den Streichern einen rein klassischen Auftritt zu lassen. Überhaupt lobt Molko immer wieder die Streicher und hebt selbige hervor. Da wäre ja eigentlich höchste Alarmbereitschaft angesagt. Nicht so hier. Selbige fügen sich auf ganz wundervolle Art und Weise in den Sound ein. Es ist schon fast unheimlich, so gut haut das hin. Das ist jenseits aller kitschigen Grenzen anzusiedeln. Chapeau!

 

„36 Degrees“ wirkt da fast ein bisschen austauschbar, würden nicht die Streicher- und Klavierklänge doch wieder für einen erhabenen Moment sorgen. „Bosco“ - übrigens noch nie live gespielt – ist ein mehr als siebenminütiger Ritt, der einem einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagt. Hat „Because I Want You“ jemals so schön traurig geklungen? Die treibenden Gitarren wurden eingemottet und stattdessen gibt es ein Klaviermotiv, welches wie Regentropfen, die gegen die Scheibe prasseln, für den speziellen Zauber sorgt. „Every You Every Me“ ist ja sowieso immer für eine Gänsehaut gut. Die dänische Singer/Songwriterin Majke Voss Romme wirkt als Duettpartnerin allerdings etwas störend – das will nicht so richtig passen. Das Tempo des Songs wurde übrigens ziemlich gedrosselt, wodurch sich die Grundstimmung noch mal intensiviert.

 

„Song To Say Goodbye“ fängt nun wie ein Nirvana-Song an, kommt aber schnell zu seiner ursprünglichen Melodie zurück. Nettes Akustikgewand. „Meds“ wird gerade durch den Streichereinsatz noch mal um das Zehnfache atmosphärisch ganz toll aufgebaut. Und „Too Many Friends“ ist auch im Akustikgewand noch ein Schlag in die Magengrube. „Without You Im Nothing“ rührt jedes Mal auf ein Neues zu Tränen und der alte Pixies-Heuler „Where Is My Mind?“ ist von Placebo immer wieder ein Genuss. So gehen Coverversion! So und nicht anders! „The Bitter End“ ist der logische Schlusspunkt, nur war hier nichts bitter, sondern ganz toll!

 

Die Limited Deluxe Box ist optisch schon ein Hingucker und macht sich mit Sicherheit gut in jedem Fanschrein. Ein dicker Karton (und dick meint hier auch tatsächlich dick) schützt das eigentliche Buch sehr sicher. Selbiges bietet CD, DVD und Blu-ray ebenfalls noch mal zusätzlich sehr viel Schutz. Die Aufmachung ist schon sehr wertig ausgefallen. Neben den drei Scheiben gibt es auch noch ein Booklet in besagter Buchform. Dieses ist sehr kunstvoll ausgefallen und hält viele Fotos des Auftritts bereit. Die Band ist da teilweise aber nur schemenhaft zu erkennen, aber dazu gleich noch mehr. Natürlich gibt es auch die rudimentären Informationen zu den Songs, den beteiligten Musikern und des Auftritts im Allgemeinen. Insgesamt ist die Gestaltung wirklich schön – wenn man das als Gesamtkunstwerk versteht und sieht.

 

Eigentlich sind „MTV Unplugged“ Veranstaltungen ja eher etwas heimelig. Die Musiker sitzen auf ihren Stühlen und Hockern und die Zuschauer lauschen andächtig. Das ist hier etwas anders ausgefallen. Gut, die Fans lauschen immer noch andächtig der Musik, aber ansonsten haben sich die Beteiligten schon etwas ganz Spezielles für die Show ausgedacht: Placebo spielen und agieren hinter einer Art durchsichtigem Vorhang. Das ist Segen und Fluch zugleich. Dies lässt Raum für allerlei Spielereien und sorgt für den einen oder anderen Aha-Effekt. Da werden verschiedene Projekten über eben diesen Vorhang gelegt, die immer wieder die Stimmungen wechseln und für ganz viel Atmosphäre sorgen. „36 Degrees“ wird so beispielsweise in einen Art Sepia-Effekt getaucht. Bei „Because I Want You“ hat man das Gefühl, dass es wie von Zauberhand regnet. Zu „Every You Every Me“ kommen verschiedene weiße Projektionen links und rechts angeflogen und teilen die Bühne. Und „Protect Me From What I Want“ wird zur psychedelischen Erfahrung. „Too Many Friends“ durch weiße Balken oben und an der Seite zu einer Art kleiner Raum, bevor gleißendes Licht für einen besonderen Moment sorgt. Zwischendrin gibt es immer wieder Lichtkegel-Raster in horizontaler und diagonaler Form. So hat man „MTV Unplugged“ ganz sicher noch nicht erlebt! Der gute Brian steht übrigens fast durchgängig und auch, wenn die Zuschauer sitzen, hat das eher etwas von einem Clubkonzert denn dieser bekannten heimeligen Unplugged-Atmosphäre. Das ist schon ganz toll anzusehen – mit einigen Wermutstropfen.

 

Im Grunde ist das Bild der Blu-ray schon recht toll und doch taugt es nicht als Referenz. Immer dann, wenn die Kamera das Geschehen hinter dem Vorhang zeigt, dann ist die Detailschärfe schon beeindruckend. Kompressionsfehler gibt es auch keine zu bemängeln und auch der Schnitt ist sehr wohltuend. Sobald die Geschichte aber frontal gezeigt wird oder Molko seitlich einfängt, dann ist dieser durchsichtige Lappen schon sehr störend, denn dann wird das Bild verwaschen, gedoppelt und unscharf. Alles im Sinne der Kunst, aber für den Genuss aus der Konserve ist das mitunter suboptimal. Auf der anderen Seite hat man das bei diesem Format so auch noch nicht gesehen!

 

Fazit: „MTV Unplugged“ von Placebo ist ein Volltreffer! Schade, dass dieses Format nicht mehr die Aufmerksamkeit vergangener Tage erhält. Die liebevollen Arrangements und die Detailarbeit, um die Songs teilweise ganz neu auszurichten, sind schon toll. Es stellt sich ein ganz intensives Hörerlebnis ein und die traurige und melancholische Grundstimmung passt natürlich perfekt zur Jahreszeit. Durch die Tatsache, dass die Band hinter einem durchsichtigen Vorhang agiert, ergeben sich ganz viele Möglichkeiten für jede Menge tolle Projektionen, die die ganze Geschichte zu einem völlig anderen „MTV Unplugged“ werden lassen. Das Bild aus der Konserve wird dadurch hin und wieder aber auch gestört und dann ist das Gezeigte ziemlich unscharf. Muss man wohl unter Kunst verbuchen. Die Aufmachung der Limited Deluxe Edition ist sehr wertig und alles in allem hat die Band hier ein tolles Konzert und eine sehr sehenswerte Veröffentlichung abgeliefert!

 

http://www.placeboworld.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

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