Long Distance Calling: Eraser

Long Distance Calling: Eraser

earMUSIC/Edel

VÖ: 26.08.2022

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Long Distance Calling sind seit 16 Jahren eine feste Institution im Post-Rock, welcher sich über die Jahre immer weiter in progressive Gefilde aufgeschwungen hat. Mit „Eraser“ schaffen die Münsteraner nun wieder eine ganz eigene Klangwelt, die man von deutschen Bands so nicht kennt. Wie bei so vielen anderen Musikern auch, ist das neue Werk auch wieder ein Ergebnis der Pandemie. Die Band veröffentlichte 2020 das hochgelobte Album „How Do We Want To Live?“. Live-Auftritte waren damit ja nicht möglich und somit stürzten sich die vier Musiker von Long Distance Calling in den nächsten Albumprozess.

 

Auf ihrem achten Album widmet sich die Band unserem großen Thema dieser Zeit: der Zerstörung von Leben und unserem Heimatplaneten. Es fing mit einer Dokumentation über den Grönlandhai an. Selbige lieferte das Thema für jeden Song des neuen Albums ein bedrohtes Tier auszuwählen. Musikalisch ist „Eraser“ sehr organisch. Alles echt. Die Songs vermitteln teilweise auf eine besondere Art und Weise eine Live-Atmosphäre.  

 

Das Album ist also den bedrohten Arten der Welt gewidmet, wobei jeder Song eine bestimmte Kreatur repräsentiert, die vom Aussterben bedroht ist. „Blades“ ist dem Nashorn gewidmet und musikalisch passt dieser Donnerhall hervorragend. Es gibt aber nicht nur wilde Raserei, sondern auch Zeit zum Durchatmen. Dann wiederum nimmt das Stück an Fahrt auf und prescht durch die Steppe. „Kamilah“ ehrt den Gorilla. Auch hier wird sich Zeit für die Schönheit genommen, aber auch die Stärke herausgearbeitet und das Muskulöse in den Vordergrund gestellt. Das ist progressiv, heavy, aber auch nie unmelodisch.

 

„500 Years“ ist dem Grönlandhai gewidmet, welcher mitunter dieses Alter erreichen kann. Musikalisch gibt sich die Band hier düster und arbeitet sich dann auch mal an bedrohlich wirkenden Klängen ab. Das Spektrum ist dabei sehr weit gefasst und breitet sich mehr als sieben Minuten episch aus. Dieser Track veranschaulicht einem auch noch mal, dass man es hier mit hervorragenden Musikern zu tun hat. Erstaunlicherweise schaffen es Long Distance Calling auch ohne Gesang die Spannung stets hoch zu halten.

 

Bei „Sloth“ setzt zu Beginn ein Saxofon ein, welches einem wohlige Schauer über den Rücken jagt. Das war so nicht zu erwarten, aber das Instrument fügt sich sehr schön in das Konzept und den Sound ein. Insgesamt ist das Stück sehr verspielt und schafft eine wunderschöne Klangatmosphäre. „Giants Leaving“ fängt sehr futuristisch an, biegt aber schnell Richtung Rockbrett ab, nur um im nächsten Moment drei Gänge runterzuschalten um einen in verträumte Welten zu entführen. Dann wiederum gibt es den bombastischen Dreh hinüber zum schnellem und progressivem Heavy Rock. Mit „Blood Honey“ nimmt sich die Band zehn Minuten Zeit die ganze Spielwiese der Prog Rocks zu bearbeiten. Dabei verkommt die Musik nie zum Selbstzweck oder zur puren Leistungsschau, sondern hat immer Hand und Fuß und versteht es den Hörer abzuholen. Das ist bei „Landless King“ – übrigens mit einem tollen Groove – der Fall und auch beim Titelstück „Eraser“ wird dies über mehr als neun Minuten kongenial praktiziert.

 

Fazit: Long Distance Calling konnten mit ihrem Album aus dem Jahr 2020 nicht wie gewohnt auf Tour gehen. Die Band hat einfach weiter aufgenommen und mit „Eraser“ ein weiteres, tolles Konzeptalbum auf den Weg gebracht. Die Songs sind um einiges organischer und verbreiten eine tolle Atmosphäre. Der Zustand der bedrohten Tierarten und letztlich des Planeten wird mit all seinen (negativen) Facetten kongenial umgesetzt. Progressive Musik lebt!

 

https://longdistancecalling.de/news.html

 

Text: Torsten Schlimbach

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