Reinhard Mey: Das Haus An Der Ampel

Reinhard Mey: Das Haus An Der Ampel

Universal

VÖ: 29.05.2020

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Reinhard Mey hat aus seinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht und den Hörer immer auch ein großes Stück in sein Seelen- und Gedankenleben mitgenommen. Abseits von diesem furchtbaren Befindlichkeits-Deutschpop, der seit Jahren die Radiostationen überflutet, nimmt der Mann kontinuierlich großartige Alben auf. Jetzt gab es mit vier Jahren mal eine etwas längere Pause zwischen zwei Alben. Der Mann wird dieses Jahr immerhin 78 Jahre jung, da sei ihm das gegönnt. „Das Haus An der Ampel“ ist ein Meisterwerk geworden und somit hat sich das Warten gelohnt.

 

Reinhard Mey ist ja nie einer der Lauten gewesen. „Das Haus An Der Ampel“ kommt auch eher auf leisen Sohlen daher. Die Melodien und die umgesetzten Instrumentierungen sind aber ganz und gar wundervoll. Als Kind waren für mich Leute mit 77 Jahren steinalt. Mey ist es nicht. Der Mann ist immer noch interessiert. Er hat sich zudem seine herzliche Art bewahrt. Er schafft es den Zuhörer auf eine Reise mitzunehmen, die immer auch etwas melancholisch ist. Natürlich hat Mey viel zu erzählen und er blickt ja auch auf ein langes und bewegtes Leben und eine lange Karriere zurück. Den Songs haftet oftmals eine große Melancholie an, es sind zum Teil ja auch derart herzige Rückblicke, dass man sich da durchaus wiederfindet. Die dunkelsten Stunden werden dabei aber keineswegs ausgespart.

 

Der Titelsong „Das Haus An Der Ampel“ ist dabei das Bindeglied und der zentrale Track. Mey erinnert sich hier an sein Elternhaus und an die vielen Geschichten und Ereignisse, die sich darin zutrugen. Man hat da als Zuhörer mehrfach einen Kloß im Hals. Mit wie viel Liebe Mey da von seinen Eltern erzählt, wie er selbigen im Himmel berichtet, was aus ihren Enkeln geworden ist und letztlich auf seinen eigenen verstorbenen Sohn Max zu sprechen kommt, ist schon sehr berührend. Die große Kunst von Mey besteht darin, dass er nie verbittert klingt.

 

Melancholie, Nostalgie, aber auch die positive Sicht auf die Welt ist eine wundervolle authentische Mischung. Weise, aber nie belehrend. Mit „Ich Liebe Es, Unter Menschen Zu Sein“ ist dabei mit ordentlich Wortwitz ausgestattet und auch musikalisch zwischen Blues und Sprechgesangspassagen sehr vielfältig. Mit „In Wien“ blickt der Meister auf die Anfänge seiner Karriere zurück. „Wir Haben Jedem Kind Ein Haus Gegeben“ ist gerade in diesen schwierigen Zeiten sehr hörenswert. Der Zusammenhalt, der hier besungen wird, ist wichtig. „Menschen, Die Eis Essen“ ist zwischen den ganz schweren Themen, eine willkommene Auflockerung. „Zimmer Mit Aussicht“ ist ein weiterer nostalgischer Song mit Blick zurück – abermals sehr berührend!

 

Dies alles ist, wie schon erwähnt, wundervoll instrumentiert. Es gibt allerdings noch eine zweite CD, auf der die Songs absolut identisch sind, allerdings nur Mey und seine Gitarre. Die Songs kriegen dadurch noch mal etwas mehr Intimität verliehen. Das kennt man ja auch von seinen Konzerten! CD 1 ist oberflächlich betrachtet leise, aber Flöte, Akkordeon, Streicher, Harfe oder Akkordeon sorgen doch für eine reiche Ausstattung.

 

Fazit: Reinhard Mey hat mit „Das Haus An Der Ampel“ ein sehr bewegendes Album aufgenommen. Der Mann hat eine unfassbar tolle Art seine Geschichten dem Hörer näherzubringen. So manche Träne im Knopfloch wird man sich dabei verstohlen wegwischen. Nostalgie, Melancholie, aber auch verdammt viel Freude auf und am Leben machen sich da breit. „Das Haus An Der Ampel“ ist ein Kleinod geworden – nicht mehr, aber auch nicht weniger!

 

https://www.reinhard-mey.de/

 

Text: Torsten Schlimbach

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