The Breeders: 04.07.2018, Gloria, Köln

Hochsommer in Köln. Es ist nicht nur warm, sondern auch noch schwül. Zwischen den Häuserschluchten steht die Luft. Möchte man sich da in einem stickigen Club ein Konzert angucken? Man möchte nicht nur, man will! Zumindest wenn The Breeders in das Gloria einladen. Kölns schönste Konzert-Location ist ja auch wie gemalt für ein Konzert der Indiehelden. Alle sind dem Ruf der Kapelle gefolgt: die Althippies, die Hipster, Eltern mit ihrem Nachwuchs, Indiekids, Beamte, Bänker, Grunger und die 90ies-Alternativjünger. Der Altersdurchschnitt ist zwar etwas höher, aber bewegt sich noch lange nicht in den Sphären, die man erwarten konnte. Es sind nämlich auch erstaunlich viele junge Leute da, die bei „The Last Splash“ nicht mal geboren waren. Das aktuelle, sehr gute Album „All Nerve“ dürfte dazu beigetragen haben, dass The Breeders wieder viele Menschen anlocken. Das war mal anders. Anfang der 00er spielte die Band im kleinen Luxor und kriegte selbst die Bude nicht gefüllt. Dies mag auch am damaligen bemitleidenswerten Zustand der Deal-Schwestern gelegen haben.

 

Erfreulicherweise gibt es im Inneren des Glorias eine Klimatisierung. Trotzdem ist es schön aufgeheizt. Und da das Konzert ausverkauft ist, wird es im Inneren schnell zu einem Backofen. Dies ist auch schon bei der sympathischen Vorgruppe Pip Blom aus den Niederlanden der Fall. Das Quartett passt dann auch wie Arsch auf Eimer zum heutigen Abend. Die Mischung aus wabernden Alternativklängen und Grunge wird dann auch mehr als wohlwollend von den Zuschauern aufgenommen. Da ist schon sehr viel Begeisterung herauszuhören. Trotz einiger Längen innerhalb der Songs sollte man Pip Blom im Auge behalten.

 

Vor The Breeders hört man einen Zuschauer darüber referieren, dass die Band, als die Deal-Schwestern noch drogen- und alkoholabhängig waren, live besser war, weil eben der Faktor der Unberechenbarkeit dazu kam. Unfassbarer Kommentar! Die Konzerte glichen damals teilweise einem Trauerspiel. Während Interviews schlief die gute Kim auch gerne einfach mal ein. Und heute? Man lässt sich ja gerne schnell zu Superlativen hinreißen, aber zumindest kann man bei der Beurteilung von diesem Abend festhalten, dass es auf jeden Fall eines der schönsten Konzerte in diesem Jahr sein wird. Die Herzlichkeit, die von der Bühne in das Gloria schwappt, ist in dieser Form nicht üblich. Es wird viel gelacht. Man merkt, sieht und hört sehr deutlich, dass die Dialoge – größtenteils unter den Deal-Schwestern – nicht einstudiert sind. Das geschieht alles sehr spontan. Und wenn dann eine bitterböse Abrechnung den USA gewidmet wird, kriegt sich die gute Kim kaum noch ein. Aufgeräumt und fit sehen sie aus. Wenn man bedenkt, dass die Herrschaften in der Vergangenheit nicht gerade auf sich und ihre Körper aufgepasst haben, sehen sie verdammt gut aus – immerhin nähert man sich mit großen Schritten der 60!

 

Auch die Stimmen von Kim und Kelley Deal sind besser denn je. Gar jugendlich. Die beiden könnten einem auch das Telefonbuch vorsingen und man wäre hingerissen. Das ist zu jeder Zeit auch sehr ausdrucksstark. Der Sound im Gloria ist gewohnt sehr gut. Die Instrumente sind sehr gut abgemischt. Heimlicher Star ist das Bassspiel von Josephine Wiggs. Die Dame hat einen sehr charakteristischen Stil, der die Songs entweder trägt, zusammenhält oder druckvoll nach vorne bringt. Sie tauscht den Bass aber auch mal mit der Gitarre von Kim. Warum? Weil sich die Breeders nicht scheuen auch eine Pixies-Nummer zu spielen und da war Kim ja nun bekanntlich die Bassistin. Jim Macpherson arbeitet hart und konzentriert hinter seiner Schießbude. Kim Deal mag die Chefin im Ring sein, aber wenn Macpherson an seinen Drums was einstellen und justieren will, dann nimmt er sich die Zeit – müssen die drei Damen und das Publikum eben mal warten. Das ist sehr sympathisch, denn das hier ist keine durchgestylte Show. Es gibt viele unerwartete Dinge. So auch, dass Kelley die Violine, die Kim gerne bei „Drivin´ On 9“ hören würde, einfach mit ihrer Stimme imitiert.

 

Die Setlist bietet einen sehr schönen Streifzug durch die Geschichte der Breeders. Es geht mit dem Klassiker „New Year“ los und ist mit „No Aloha“ und „Divine Hammer“ noch lange nicht vorbei. Die neuen Songs wie „Wait In The Car“ oder „Nervous Mary“ fügen sich da wunderbar ein. Klar, das Meisterwerk „Last Splash“ und das neue Album „All Nerve“ stellen die meisten Songs. Die Beatles covert man ja eigentlich nicht. The Breeders sind die einzige Band, die „Happiness Is A Warm Gun“ in einer umwerfenden Version darbieten. Das klingt frisch und The Breeders betten das natürlich auch in ihr Soundgewand ein. Surfpop, abgedrehter Indierock, Grunge-Anleihen und ein unglaubliches Gespür für Melodien ergeben eine tolle Mischung. Man kann es nicht oft genug betonen: bei bestem Sound!

 

Erwähnenswert wäre noch das Grüppchen Rentner. Die Herren und Damen stehen in der zweiten Reihe, was eigentlich schon unglaublich genug ist, denn man muss bei einem Konzert der Breeders auch damit rechnen, dass da auch mal die Post abgeht. Optisch sehen die älteren Leutchen so aus, wie man sich als Kind eben Menschen mit Mitte/Ende 60 so vorstellt. Die Herrschaften gehen aber ab wie Teenies – inklusive Hüpfen. Und durchgehend textsicher sind sie auch noch. Einfach toll!

 

Fazit: Der Abend im Gloria mit The Breeders ist extrem gelungen. Eine gut aufgelegte Band, die unglaublich viel Herzlichkeit und Charme versprüht, eine ausgewogene und tolle Setlist und ein sehr guter Klang lassen den Schluss zu, dass die Kapelle im Jahr 2018 so gut wie noch nie ist! Sollte man gesehen haben! Bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass Kim und Kelley Deal ihre Dämonen endgültig besiegt haben!

 

http://thebreedersmusic.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

 

(Torsten Schlimbach bedankt sich bei Asja Schöner von FKP Scorpio und natürlich bei The Breeders für die freundliche Unterstützung!)

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch