Muse: 20.09.2012, E-Werk, Köln

Muse hat zum Promogig eingeladen und alle sind sie gekommen. Alle? Nicht wirklich! Wie denn auch? Seit Tagen dreht Köln völlig am Rad. Wer sich nur ansatzweise für Musik interessiert, muss am heutigen Donnerstag einfach ins E-Werk pilgern. Die lokalen Radiostationen berichten quasi stündlich von dem bevorstehenden Ereignis und die letzten Ticketlosen klammern sich noch an die Hoffnung bei irgendeiner Verlosung doch noch eine der begehrten Zugangsberechtigungen zu ergattern. Vor dem E-Werk spielen sich dramatische Szenen ab. Da wird um Eintrittskarten gefleht, gebettelt und mal eben 200 Euro dafür geboten. Nichts zu machen! Alle wollen rein und das ist auch gut so!

 

Im Inneren des E-Werks ist die Spannung förmlich greifbar. Ein Clubkonzert von Muse ist ja schon für sich gesehen eine ziemliche Sensation, aber am heutigen Abend kriegen die Fans ja auch erstmals neue Songs aus „2nd Law“ zu hören, jenes sagenumwobene Werk, welches nächste Woche veröffentlicht wird. Was wurde da nicht alles im Vorfeld schon drüber geschrieben!? Skrillex wurde und wird als einer der Einflüsse genannt, die Platte soll in Richtung Dubstep gehen und überhaupt soll einiges anders werden.

 

Davon ist an diesem Abend allerdings nicht viel zu spüren! Wer Queen liebt, wird auch Muse in sein Herz schließen. Wer die Theatralik von Queen allerdings gänzlich ablehnt, hat auch an diesem Abend im E-Werk ein echtes Problem. Um es gleich vorwegzunehmen, was Muse musikalisch hier auf die Bretter legen ist schlichtweg brillant. Einen derart klaren Sound hat das E-Werk wohl noch nicht in seinen heiligen Hallen beheimatet. Muse treten hier auch den Gegenbeweis an, dass sich Lautstärke und ein fein ausbalancierter Klang nicht ausschließen müssen. Einen derartigen Beleuchtungswahn hat man auf so kleiner Bühne auch noch nicht erlebt. Dies ist natürlich immer alles perfekt auf die Musik abgestimmt. Das versteht sich bei Muse mittlerweile von selber. Es ist gar die Rede davon, dass der Soundcheck am Nachmittag mal eben knackige drei(!) Stunden gedauert haben soll! Das wäre dann doppelt so lange wie das eigentliche Konzert!

 

Muse sind eben Perfektionisten. Oder sollte man besser Matthew Bellamy sagen? Und hier muss man gleich mit noch einem Superlativ um sich schmeißen, denn das kleine Genie ist an diesem Abend stimmlich in Hochform. Da wird jeder Ton getroffen und gehalten und selbst beim Falsett ist nicht der kleinste Wackler auszumachen. Natürlich polarisiert seine Art, gar keine Frage. Die Fans lieben ihn genau dafür. Seine stimmliche Qualität erreicht in den Höhen allerdings auch eine Penetranz, die – sofern man nicht zum Kreise seiner Jünger gehört – gerade live schwerlich zu ertragen ist. Ansonsten ist der Mann auch heute wieder Dreh- und Angelpunkt und wenn er nicht gerade singt, dann fegt er wie ein Derwisch über die Bühne, malträtiert seine Gitarre, sratcht auf eben dieser oder reibt sein Instrument an den Boxen, dass es für die Ohren schon nicht mehr gut sein kann.

 

Dominic Howard gibt hinter der Schiebude sein Bestes, die schönsten Momente des Abends gehören aber ausgerechnet Bassist Chris Wostenholme! Wenn er mit seiner Mundharmonika Ennio Morricomes Titelthema aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ intoniert, hat der ganze Saal im Kollektiv eine Gänsehaut. Danach gehört ihm auch der menschlichste Moment des ganzen Abends und die Barriere zwischen Rockstar und Fan ist nicht mehr vorhanden. Er wirft die Mundharmonika ins Publikum und sein Empfänger in vorderster Front kann sein Glück kaum fassen. Der Blickkontakt zwischen Fan und Wostenholme lässt für einen Augenblick die völlig durch arrangierte Show zur Nebensache werden!

 

Man merkt, dass an diesem Abend das E-Werk fest in Muse-Fanhand ist. Die Stimmung ist bestens, teilweise euphorisch und der zum Bersten gefüllte Saal tobt. Fehlt nur noch, dass es von der Decke tropft. Dürfte nach dieser Messe aber durchaus der Fall sein. Es scheint auch fast egal, was die Band spielt, die Songs werden alle abgefeiert. Es wird getanzt, gesprungen und selbst die Wall Of Death wird im Pit veranstaltet. Viele glückliche Gesichter, wohin man auch blickt.

 

Und die Songs? Der Beginn mit dem neuen „Supremacy“ darf durchaus als fett bezeichnet werden. Der Bass donnert einem wie ein Schnellzug durch Mark und Bein. Bellamy spielt dazu walzerartige Solos - amtlicher könnte der Auftakt nicht sein. Danach geht es mit „Interlude/Hysteria“ auf die Sicherheitsschiene und den Fans wird ein großes und altbekanntes Spektakel geboten. Mit „Panic Station“ folgt dann ein weiterer neuer Song, der erstmals für offene Münder sorgt. Wie war das denn jetzt noch mit weniger Queen? Die Nummer fängt an wie „Another One Bites The Dust“! Die verbliebenen Queen-Mitglieder werden wohl keinen Plagiatsprozess anstreben – aber sie könnten. Der Track ist trotzdem saustark und wenn er sich dann nach und nach in Richtung Funk der Marke George Clinton entwickelt, ist alles gut! Nach „Madness“ - heute übrigens eine tolle Liveumsetzung – schon der zweite Song der neuen Platte, der teilweise nach Queen klingt. Bei der Single ist es eben eine Mischung aus „One Vision“ und „I Want To Break Free“. Queen scheinen jedenfalls gesetzt, immer noch!

 

Höchst interessant ist auch „Animals“. Der Song scheint zweigeteilt. Zunächst beginnt das Stück wie ein Radiohead-Track der „OK Computer“ Ära, kommt dann aber richtig ins Rollen und scheint dann förmlich zu explodieren. Theatralik, Bombast, Detonation – Muse. Die Gassenhauer „Uprising“, „Plug In Baby“ oder „Knights Of Cydonia“ werden traumwandlerisch sicher gespielt und von der Menge begeistert gefeiert. Als Zugabe gibt es noch „Stockholm Syndrome“, „Starlight“ und „Survival“. Das Ende ist allerdings schon recht seltsam und plötzlich, irgendwas fehlt. Wieder zurück im Auto soll nun die neue „Mumford & Sons“ den Gegenpol zum eben Erlebten setzen. Falschen Knopf erwischt, aus dem Radio schallt einem Oberbombastheatralikrocker Meat Loaf mit „I´d Do Anything For Love (But I Won´t Do That)“ entgegen. Da ist er doch, der passende und krönende Abschluss eines Muse Konzerts!

 

Fazit: Der Clubgig im Kölner E-Werk zeigt eindrucksvoll, warum Muse momentan zu den größten Bands des Planeten zählen: Bombast, Theatralik, Genie, Wahnsinn, Musical, Rock, Pop, Glam, Klassik - alles liegt eben dicht beieinander. Auf das neue Album darf man gespannt sein, mit "Panic Station" haben sie jedenfalls live ein Hammerding rausgehauen - trotz Queen!

 

Fotos gibt es hier

 

http://muse.mu/

 

Setlist:


Supremacy
Interlude + Hysteria
Panic Station
Resistance
Supermassive Black Hole
Animals
Time Is Running Out
Save Me
Madness
Uprising
Follow Me
Plug In Baby
Man with a Harmonica + Knights of Cydonia
Stockholm Syndrome
Starlight
Survival

 

(Torsten Schlimbach bedankt sich bei Isabel Sihler, Warner Music und natürlich Muse für die freundliche Unterstützung!)

 

Text: Torsten Schlimbach

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