Tommy Finke: Ein Herz Für Anarchie

Tommy Finke: Ein Herz Für Anarchie

Retter Des Rock

VÖ: 28.07.2017

 

Wertung: 8/12

 

Deutschsprachige Musik ist austauschbar geworden. Es hört sich alles gleich an. Unterschiede sind mittlerweile unter den einzelnen Künstlern kaum noch erkenn- und hörbar. Alle nerven mit ihrem Befindlichkeitspop, der auf die Tränendrüse drückt und voller Melancholie aus den Boxen tropft und selbige gleichzeitig verklebt. Mut? Ideen? Fehlanzeige! Tommy Finke ist da anders. Der musikalische Leiter am Schauspiel in Dortmund hat schon immer die etwas anderen Lieder aufgenommen. Das gilt auch wieder für sein neues Album „Ein Herz Für Anarchie“. Den Betroffenheitspathos hat Finke direkt vor der Tür gelassen. Hoffentlich hört ihm auch einer zu. Wäre doch schade, wenn da endlich mal einer kommt, der vieles anders macht, und dann ungehört verhallt.

 

Was macht Finke denn nun so anders? „Ein Herz Für Anarchie“ klingt nach Euphorie und durch und durch ehrlich. Kein Baukasten, sondern Songwriting. Natürlich gibt es auch bei ihm die stillen Momente und Balladen. „Lavendel“ ist eine davon. Der süßliche Betroffenheitskitsch bleibt dabei aber vor der Studiotür und wird gar nicht erst reingelassen. Danach gibt es mit „Bei Lebendigem Leibe Verpennen“ wieder handgemachten Pop, der ordentlich nach vorne geht. Gerne darf man davor das Wort Indie stellen.

 

„Ein Herz Für Anarchie“ - der Titelsong – ist überbordend. Die Sprachbilder und die euphorische Musik, die aber immer auch ein Platz für Melancholie hat, sind weit draußen von der Radiolandschaft. Und doch ist das ein verdammter Hit. Ein Hit, wie ihn Bosse auch schreiben würde. Überhaupt erinnert vieles auf diesem Album an Bosse. Das gilt auch für „Der Himmel Über Berlin“. Die Nummer ist  doch sehr stark an „Die Schönste Zeit“ von Bosse angelehnt. Zumindest dürfte Bosse als Inspiration hergehalten haben. „Strukturwandel (In Der Mitte Fehlt Der Fluss)“ ist eher von Stakkato getrieben. Aber auch hier gibt es einen Refrain, für den seine Kollegen Haus und Hof verkaufen würden. Finke hat aber auch etwas zu sagen und da braucht es gar nicht einen programmatischen Titel wie „Die Revolution“, denn mit jedem Text trifft er hier den Nerv und Zeitgeist.

 

„9-Volt-Blockbatterien“ kommt eher im Kraftklub-Style. Auch nicht schlecht. Wer jetzt stutzt, weil es doch so viele Vergleiche zu deutschsprachigen Kollegen gibt: ja, aber eben nicht zu denen, die klingen als hätte man denen das Nutellabrot geklaut. Und die sind es ja leider, die momentan die Richtung vorgeben. Ein bisschen New Wave gibt es übrigens bei „Zerbrechlich“ zu hören. Zu „David Bowie“ muss man nichts sagen. Oder vielleicht doch: die Musik ist so positiv, so lebensbejahend. Und natürlich fehlt Bowie. Thees Uhlmann hätte das ähnlich gemacht. Das verspielte „Das Nächste Jahrhundert“ kommt da genau richtig. „Halt Dich An Deiner Liebe Fest“ holt dann auch noch Rio Reiser aus der Trickkiste. Passt. Und dann auch noch diese Trompete. Ein Gedicht.

 

Fazit: Tommy Finke hat mit „Ein Herz Für Anarchie“ ein gutes bis sehr gutes (Indie)Popalbum mit sehr schönen Sprachbildern aufgenommen. Der ganze deutsche Befindlichkeitspop bleibt vor der Tür. Endlich mal wieder ein deutscher Künstler, dem man gerne seine Ohren schenkt, der etwas zu sagen hat und der einen auch noch mit seiner Musik versteht mitzureißen.

 

http://www.tommyfinke.de/

 

Text: Torsten Schlimbach

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