The Neal Morse Band: The Similitude of a Dream

The Neal Morse Band: The Similitude Of A Dream

Radiant Records / Metal Blade Records / Sony Music

VÖ: 11.11.2016

 

Wertung: 8/12

 

Neal Morse und Mike Portnoy haben schon eine lange, gemeinsame Musikkarriere hinter sich. Die beiden bringen es immerhin auf 18 gemeinsame Alben. Über die Jahre liefen sie sich immer wieder über den Weg und das mündete dann meist in einer Zusammenarbeit. Die Veröffentlichungen der Superband Flying Colors wurden in diesem Magazin ja schon ausführlich rezensiert. Bei Flying Colors hatte man aber stets das Gefühl, dass dies das Baby von Portony wäre. Wenn eine Band allerdings nach einem ihrer Protagonisten benannt wird, dann ist das mehr als ein deutliches Zeichen, wer da den Ton angibt oder seiner Vision folgt. The Neal Morse Band ist dann auch eher als das Steckenpferd von Morse anzusehen. Mit „The Similitude Of A Dream“  veröffentlicht die fünfköpfige Band nun ein Konzeptalbum, welches sich über 100 Minuten erstreckt!

 

Das Line-Up wird von Bassist Randy George, Keyboarder Bill Hubauer und Gitarrist Eric Gillette vervollständigt. George ist nun auch schon bei dem achten Studioalbum von Morse und Portony dabei. Man kennt und schätzt sich eben. Die Auditions für die permanente Besetzung der Neal Morse Band fand allerdings erst 2012 statt. Diese Konstellation veröffentlichte 2014 „The Grand Experiment und ein Jahr später die Live-DVD/Doppel-CD „Alive Again“. Glaubt man den Protagonisten, besonders Portnoy, dann ist „The Similitude Of A Dream“ nun aber das beste Album, welches die Musiker jemals eingespielt und veröffentlicht haben. Besonders Morse und Portnoy können auf einen beachtlichen Backkatalog blicken, insofern ist diese Aussage natürlich gewagt. Auf der anderen Seite: erzählen das Musiker nicht immer über die aktuelle Veröffentlichung? Was sollen sie denn auch anderes sagen?

 

Zurück zum Konzept und zu den Aufnahmen. Zunächst war man sich nämlich überhaupt nicht sicher, ob denn genug Material für eine Doppel-CD zustande kommen würde. Bassist George teilt aber mit, dass das Konzept und die Musik eindeutig in diese Richtung wiesen. Dazu passt dann auch die Gestaltung des Artworks. „The Similitude Of A Dream“ ist eben ein Gesamtkunstwerk. Dies alles basiert auf dem Buch „The Pilgrim’s Process“ („Pilgerreise zur seligen Ewigkeit“) von John Bunyan aus dem Jahr 1678. Und jetzt wird es spirituell, denn dort werden die Chroniken eines Mannes präsentiert, der eine Reise antritt, die in der „Stadt der Zerstörung“ beginnt und ihn an einen Ort der Erlösung führt. Puh.

 

Das Album ist schwere Kost und die hohe Kunst der Musikalität. Ein Progwerk wie es im Buche steht: von schnell bis langsam, von hart bis weich, von Pop bis Heavy. Unnötig zu erwähnen, dass hier fünf absolute Top-Musiker agieren, die ihr Handwerk beherrschen wie nur ganz Wenige. Das ist dann auch hin und wieder das Problem an diesem Album, denn wenn das an der einen oder anderen Stelle zur Leistungsschau wird – die Instrumente sind da beliebig zu nennen – dann hat das zwar sportliche Qualitäten, aber irgendwie vermisst man dann auch die Seele der einzelnen Songparts.

 

Stürzen wir uns mal mitten rein in das Geschehen! Im Grunde kann man dieses Album sowieso nicht mit normalen Maßstäben messen. Wer Musik nur zur Unterhaltung hört, ist hier sicher falsch aufgehoben. Diese zweiundzwanzig Songs funktionieren wie ein Buch. Vertonte Literatur. Insofern sind die Übergänge auch fließend und man weiß zu jeder Zeit, wo sich unser Hauptdarsteller der Geschichte gerade befindet. Sein Seelenleben und die Reise werden dabei stets mittels der Instrumente in Szene gesetzt und vertont. Das kennt man von vielen anderen Progalben, es ist aber immer wieder faszinierend, wie die Musiker da eine ganz eigene Welt erbauen.

 

Der „Long Day“ wird zu Beginn traurig und an die Klassikmusik angelehnt. Den langen Tag kann sicher jeder nachempfinden. Empfindungen sind dann auch die Schlüssel, um in dieses Werk einzutauchen. Mit der dramatischen „Overture“ beginnt die Reise. Ein ausuferndes Gitarrensolo und breite Keyboardflächen navigieren sich mal positiv, mal dramatisch durch die Nummer. „The Dream“ wird dann verträumt und ja, auch kitschig umgesetzt. Das lebt vom Gesang, einer Akustikgitarre und sphärischen Klängen. „City Of Destruction“ klingt wie es der Titel und die Thematik vermuten lassen: düster und bedrohlich. Dies wird mal hämmernd, mal mit der kompletten Ausweglosigkeit dargestellt. Erwähnenswert wäre an dieser Stelle auch mal die gesangliche Leistung, die dem Ganzen erst mal ein Gesicht gibt. Die Finger flitzen hier auch wieder über die Griffbretter, Tasten und Felle, als würde eine ganze Stadt einstürzen. Mit dem positiv gestimmten „We Have Got To Go“ wird das Thema, welches bei „The Long Day“ schon angedeutet wurde, wieder aufgenommen. An dieser Stelle hat dieses Werk auch eindeutig die Qualitäten eines Musicals.

 

Zeit zum Durchatmen mit „Make Noe Sense“. Nach hinten raus steigert sich das aber auch opulent ausgearbeitet und dramatisch. Das würde Freddie Mercury gefallen. „Draw The Line“ landet dann endgültig beim Heavy Metal. „The Slough“ ist sicher anspruchsvoll, klingt aber auch wie ein Wettbewerb unter Musikern. Dies mündet in den großen Gesten von „Back In The City“. Die Band findet immer wieder zu den musikalischen Themen der vorangegangen Songs zurück, so ist ein roter Faden immer gegeben. Sehr schön wurde „The Way Of A Fool“ umgesetzt. Da ist alles dabei, von den Beatles über Jethro Tull bis hin zu King Crimson – um mal ein paar Anhaltspunkte zu liefern. „So Far Gone“ hat wiederum Ohrwurmqualitäten, was auch auf das ziemlich schmalzige „Breath of Angels“ zutrifft.

 

Die zweite CD beginnt mit „Slave To Your Mind“ wiederum mit einer dramatischen Steigerung und einem entsprechenden Songaufbau. Hier beeindruckt ab Minute zwei das punktgenaue Zusammenspiel zwischen Drums und Bass auf der einen Seite und Keyboards und Gitarren auf der anderen. Da sind schön Könner am Werk. „Shortcut To Salvation“ erinnert an Marillion und ist doch arg schmalzig ausgefallen. Da fällt das harte „The Man In The Iron Cage“ schon wesentlich besser aus. Besonders der groovige Unterbau sticht dabei heraus. „The Road Called Home“ ist die typische Progkost, die auf Dauer aber auch ermüdend ist – Konzept hin oder her. „Sloth“ lässt einen abermals an Marillion denken. Das folkige „Freedom Song“ ist zwischendurch endlich mal ein schönes, kleines Ding. Die lockere und luftige Atmosphäre versteht es da zu begeistern. Bei „I´m Running“ darf auch mal auf den vier Saiten geflitzt werden. „The Mask“ schwingt sich aus der Klassik auf die Geschichte mit viel Pathos auf das Ende vorzubereiten. „Confrontation“ ist selbstredend (der Titel!) wieder etwas härter und auch kürzer ausgefallen. The Neal Morse Band verlässt aber nie das Feld der Melodielinie. „The Battle“ ist voller dramatischer Wendungen und abermals in der Musical-Ecke zu finden. „Broken Sky“ lässt zum Schluss noch mal ein paar ruhige und melancholische Klänge zu, steigert sich natürlich noch zum kitschigen Finale, bevor das Doppel-Album mit „Long Day (Reprise)“ so richtig rund gemacht wird. Es schließt sich ein Kreis.

 

Fazit: „The Similitude Of A Dream“ von The Neal Morse Band ist ein Konzeptalbum wie es im Progbuche steht. Wer sich auf die Geschichte einlassen kann und will, wird sich hier für mehr als 100 Minuten auf eine Reise begeben. Es werden dabei viele musikalische Spielwiesen des Genres abgearbeitet – ja, auch die unschönen. Es versteht sich von alleine, dass die fünf Musiker hier einen überragenden Job machen. Manchmal ist Minimalismus aber auch nicht ganz verkehrt, es muss ja nicht immer die große Dramaturgie sein. Ein Album für Musikliebhaber der alten Schule.

 

http://www.nealmorse.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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