Per Gessle: Small Town Talk

Per Gessle: Small Town Talk

BMG/Warner

VÖ: 07.09.2018

 

Wertung: 8,5/12

 

Per Gessle ist wohl einer der erfolgreichsten Songwriter des Popgeschäfts der letzten drei Dekaden. Zusammen mit Marie Fredriksson hat er eine stattliche Anzahl an Welthits aufgenommen. Leider lässt es der Gesundheitszustand der guten Marie nicht mehr zu, dass das Duo weiter aktiv sein kann. Gessle saß seit 2016 auf einer Menge Ideen und Demos, die er allesamt auf schwedisch aufgenommen und geschrieben hatte. Damit ging er nach Nashville um sich dort eine beachtliche Anzahl an Künstlern zu schnappen und „Small Town Talk“ in die Wege zu leiten! Das Ergebnis ist beachtlich!

 

Die All-Star-Liste von „Small Town Talk“ liest sich wie folgt: Dan Dugmore (Pedal Steel Gitarre und Dobro), Mickey Raphael (Mundharmonika), Stuart Duncan (Violine), Elizabeth Goodfellow (Schlagzeug und Percussion), Jessica S (Gesang) und Savannah Church of The Church Sisters (Gesang) - Leute, die mit den Künstlern Willie Nelson, Alison Krauss, Dwight Yoakam, Dolly Parton und Linda Ronstadt auf Tournee waren. Mit Nick Lowe konnte er auch einen seiner Helden für ein gemeinsames Duett gewinnen.

 

Fangen wir mal mit den schlechten Seiten von „Small Town Talk“ an. Die dünne und poppige Produktion wird diesen grandiosen Songs leider überhaupt nicht gerecht. Das hat Gessle wohl aus seiner Mainstreamphase immer noch so drin und wird man wohl auch nicht mehr ausgetrieben bekommen. Der weltbeste Sänger ist er auch nicht, war er auch noch nie. Das war es auch schon. Der Rest des Werkes ist nämlich überraschend großartig ausgefallen. Man kann in diese schwelgerischen und verträumten Songs eintauchen. Dies ist auch keine Ansammlung an Tracks, sondern ein Album der alten Schule. Auf sehr viel Liebe zum Detail wurde da bei den Arrangements und der Instrumentierung geachtet.

 

Mit dezenten Wellen geht es in dieses Album hinein. „There´s A Place“ eröffnet dieses Kleinod auf leisen Sohlen, aber trotzdem mit allem, was die amerikanische Musik auszeichnet: Violine, Dobro, Pedal Steel und Mundharmonika. Ein verspieltes Musikstück, geschrieben und entworfen mit ganz viel Liebe. Es gibt natürlich auch wieder Duette. Acht an der Zahl. Gessle liebt einfach Duette. „The Finest Prize“ wird den einen oder anderen dabei vielleicht sogar an eine erwachsene Version von Roxette erinnern. Die verträumte Gitarre ist einfach nur schön. „Small Town Talk“ - der Song – ist dann ein Duett mit Nick Lowe. Hierbei handelt es sich um eine sehr schöne, kleine Countryballade. Der Backgroundchor ist etwas zu kitschig, aber das ist durchaus zu verschmerzen. „Simple Sound“ öffnet dann dem Pop Tür und Tor. Für Menschen jenseits der 40 eine runde Sache.

 

Die ruhigen und träumerischen Nummern sind die große Überraschung des Albums. Da ist „Far Too Close“ ebenso wenig die Ausnahme wie auch „Hold On My Heart“. Verpflichtet ist das meist der traditionellen amerikanischen Musik. Nashville hat seine Spuren hinterlassen. Das klingt aber zu keiner Zeit bemüht oder aufgesetzt. Gessle hat ein Album mit viel Herzblut geschrieben und sich die richtigen Leute zur Umsetzung ausgesucht. „Being With You“ ist zwar eine typische Gessle-Nummer, aber dafür aufgrund der Instrumentierung spannender als sonst. Das düstere „It Came Too Fast“ hat eine Gitarrenarbeit zum Niederknien zu bieten. Die Atmosphäre erinnert ein bisschen an Clannad. Mit „Name You Beautiful“ geht es dann wieder etwas forscher zur Sache. Wäre da nicht diese furchtbare Produktion, hätte das was richtig Großes werden können. Mit „For The First Time“ gibt es zum Glück wieder einen dieser schwelgerischen Tracks im Anschluss. „One Of These Days“ plätschert etwas ereignislos dahin, ist aber keineswegs als Totalausfall zu verbuchen. Mit „Rudy & Me“ gibt es zum Schluss noch mal ein tolles Stück, welches durch das wunderbare Mundharmonikaspiel in Erinnerung bleibt. Stevie Wonder hätte daran seine Freude. Zudem gelingt hier der Spagat zwischen Pop und traditioneller Musik!

 

Fazit: Für mich ist „Small Town Talk“ eine der musikalischen Überraschungen des Jahres. Per Gessle ist ja eher für seinen Mainstreampop bekannt und weniger für traditionelle amerikanische Musik zwischen Country und Americana. Hin und wieder schimmert natürlich auch seine musikalische Vergangenheit durch, aber das ist ja nun nicht schlecht. Die Produktion ist zwar nicht ganz das Gelbe vom Ei, aber das schmälert das tolle Songwriting und die famosen Arrangements keineswegs. Die Instrumentierung ist ebenfalls ganz vorzüglich.

 

http://www.gessle.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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