Okkervil River: I Am Very Far

Okkervil River: I Am Very Far

Jagjaguwar/Cargo

VÖ: 06.05.2011

 

Wertung: 9/12

 

Okkervil River eröffnet das sechste Kapitel der Bandgeschichte - sofern man hier überhaupt von einer Band sprechen kann. Gerade das neue Album „I Am Very Far“ ist einzig und alleine das Spielzeug und die Projektionsfläche von Frontmann Will Sheff. Wer ihm bisher immer vorgeworfen hat, dass er im Grunde nur mit Variationen spielt, unter dem Strich sich aber nur wenig weiterentwickelt, wird nun eines Besseren belehrt. Das geht diesmal sogar soweit, dass gerade all jene, die viel Wert auf seine Aussagen legen, bei den Texten einige Probleme haben werden.

 

Die Geschichten sind offener, verstörender und teilweise nahe am Surrealismus. Sheff will sich aber auch nicht mehr erklären müssen. Er sei sowieso zu viel in seinen Geschichten gefangen und neige dazu, diese zu sehr zu analysieren. Es sind aber auch nicht die schlechtesten Voraussetzungen, wenn sich der geneigte Hörer in seinem eigenen Kopfkino wiederfindet und sich so seine eigenen Gedanken macht. „I Am Very Far“ bietet in dieser Hinsicht sowieso eine Menge Potenzial, denn auch die Musik hat genug kleine Ecken, Kanten und Widerhaken, die man sich nach und nach erarbeiten muss.

 

Dieses Album ist mal wieder die große Indiefolk-Show. Allerdings wird hier auch ein Hang zum orchestralen Klang ausgelebt. Zudem sind die Songs teilweise erstaunlich aggressiv ausgefallen. Dies wird schon alles mit der Albumeröffnung „The Valley“ unterstrichen und kanalisiert sich in „Wake And Be Fine“. Das ist die große Orchestervision von Will Sheff. Dreizehn Musiker haben sich hier verewigt, wovon sich sieben(!) gleich mal die Gitarre umgeschnallt haben. Anderes erinnert gar an eine Mischung aus Bryan Ferry und David Bowie, wie das fragile „Piratess“. Es ist nicht überliefert, ob Will Sheff The Divine Comedy in sein Herz geschlossen hat. Oder Pulp. „Rider“ würde sich jedenfalls auch auf den Alben der Briten gut machen. Zwischendurch gibt es immer wieder diese schönen Indiepop-Momente, wie es beim süßlichen „Lay Of The Last Survivor“ der Fall ist. Und wer es lieber mag, wenn eine Dampfwalze durch die Prärie pflügt, kommt mit „White Shadow Waltz“ auf seine Kosten.

 

Fazit: Okkervil River haben mit „I Am Very Far“ ein beachtliches Album aufgenommen. Zwischen Indie-Folk und großem Orchester rangieren die Songs, die teilweise mit einer (unterschwellig) derben Aggressivität punkten können. Will Sheff erklimmt auch textlich eine neue Stufe und aus dem Erklärbären ist eher ein Geheimniskrämer geworden. Das sechste Album ist somit ebenso überraschend, wie überzeugend! Man darf gespannt sein, wohin der Weg Okkervil River noch führen wird.

 

http://www.okkervilriver.com/

 

Das Album kann jetzt hier angehört werden: Album Stream


 

Text: Torsten Schlimbach





Empfehlen Sie diese Seite auf:

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch