Nils Wülker: Decade - Live

Nils Wülker: Decade - Live

Warner

VÖ: 27.02.2015

 

Wertung: 8/12

 

Nils Wülker hat schon immer für die Musik gelebt. Irgendwie jedenfalls. Schon ganz früh lernte er das Klavierspielen bevor er im zarten Alter von zehn Jahren auf die Trompete umschulte. Zunächst wandelte er da natürlich auf den klassischen Pfaden, aber spätestens ein Schüleraustausch offenbarte ihm ganz neue Klangwelten. In den USA kam er schließlich mit dem Jazz in Berührung und war fortan damit infiziert. Ein Musikstudium folgte und viele Auszeichnungen pflastern bisher seinen Weg und seinen Werdegang. Jetzt erscheint mit „Decade“ ein Live-Album.

 

Bisher war Wülker ja mehr als Einzelkämpfer unterwegs. Klar, er wurde von vielen Kollegen immer mal wieder gebucht und sein Trompetenspiel war für viele Projekte eine Bereicherung, aber wenn es um seine eigenen Alben ging, dann erledigte der Mann meist alles in Eigenregie. Selbst ein eigenes Label stampfte er aus dem Boden. Mit „Up“ wurde alles anders. Teamwork wurde hierbei ganz groß geschrieben. Der Songwritingprozess, die Produktion und die Musik – im Grunde alles – wurde auf verschiedene Schultern verteilt. Das Ergebnis klang toll. „Decade“ knüpft nun auch live nahtlos daran an.

 

Dreizehn Songs erstrecken sich nun auf knapp 80 Minuten. Ein Livegefühl kommt dabei leider kaum auf. Das Publikum hört man nur zwischen den Songs und dann auch nur ganz nach hinten gemischt. Das zehnte Album setzt sich aus Songs von vier verschiedenen Studioalben zusammen - live eingespielt an drei Orten auf zwei Deutschland-Touren. Wülker hatte für die Umsetzung eine tolle Band im Rücken.

 

Natürlich steht die Musik von Wülker für so überragende Instrumentalstücke wie „Conquering The Useless“ oder aber auch „Wanderlust“, aber eben auch für Vocal-Songs wie „Grow“. Bei dieser Nummer ist eine dicke Gänsehaut vorprogrammiert. Das wird auch Leuten gefallen, die mit dem Instrument Trompete kaum etwas anfangen können. Das klingt nach moderner Popmusik mit einigen spannenden Jazz-Anleihen. Die melancholische Stimmung wird aber auch sehr schön durch „Pull Of The Unknown“ zelebriert. Ob Wülker wohl den Soundtrack zu „The Million Dollar Hotel“ kennt? Dieses sehnsuchtsvolle Spiel von „Dawn“ findet man jedenfalls auch dort.

 

Wülker versteht aber auch zu grooven – nachzuhören bei „Today´s Gravity“. „Safely Falling“ stellt die Pianoklänge gleichberechtigt neben die Trompete. Dies ergibt eine tolle Atmosphäre. Die Tempowechsel sind zwar dezent, leiten den Track aber in eine völlig neue Richtung. Die Melancholie weicht – so als würde die Sonne aufgehen. „Five Arches“ dürfte auch Liebhaber des klassischen Jazz ansprechen. Die Rhythmussektion groovt sich da sehr schön ein und rollt Wülker für sein Spiel den Teppich aus. „Season“ könnte man sich glatt von Sting vorstellen und mit dem fein ausgearbeiteten „Circles“ und dem verspielten „Prism“ gibt es zwei seiner besten Stücke auf der Zielgeraden. Das melancholische „Stripped“ zieht einem ganz zum Schluss den Boden unter den Füßen weg. Ganz großes Gefühlskino!

 

Fazit: Nils Wülker ist mit „Decade“ eine faustdicke Überraschung gelungen. Jedenfalls, wenn man mit seinem angestammten Instrument und Genre eigentlich nicht viel anfangen kann. Kenner werden weniger überrascht sein. Die Begeisterung über diese melancholischen und sehnsuchtsvollen Live-Kleinod dürfte in beiden Lagern groß sein. Zwischen Pop, Jazz, Cinema, Funk und R&B ist „Decade“ eine tolle Zeitreise durch den Wülker-Kosmos geworden, die immer den richtigen Ton trifft und zu berühren weiß. Schade, dass dabei leider ein bisschen die Live-Atmosphäre auf der Strecke geblieben ist.

 

http://www.nilswuelker.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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