Neal Morse: Life And Times

Neal Morse: Life And Times

Radiant Records/Metalblade/Sony

VÖ: 16.02.2018

 

Wertung: 7,5/12

 

Neal Morse ist ein extrem vielseitiger Künstler. Viele kennen ihn als anerkannten Progrock-Musiker. Mit verschiedenen Bands hat er über die Jahre immer wieder große Erfolge gefeiert und gilt unter Fans und Kritikern als einer der besten Genre-Musiker. Es gibt aber auch noch eine andere Seite von Neal Morse. Als Solist tobt er sich meist in ganz anderen Gefilden aus. Oftmals ist er hier auf einer spirituellen Reise unterwegs. Seine Tochter wurde 1997 mit einem Loch im Herzen geboren. Die Ärzte hatten wenig Hoffnung, dass es schnell zu einer Heilung kommt. Auf einer Kirchenversammlung wurde dann für die Kleine gebetet und von da an ging es gesundheitlich bergauf. Das war dann auch der Moment, der Neal Morse zum Christentum konvertieren ließ. Spirituell ist auch „Life And Times“ ausgefallen – zumindest mancher Hintergrund ist es.

 

Neal Morse möchte die Menschen mit den Songs von „Life And Times“ berühren und glücklich machen. Er legt wert auf die Feststellung, dass nur wenige Lieder traurig sind. Und das stimmt natürlich, die meisten Tracks sind von einem positiven Vibe durchzogen, auch, wenn sie dann mit einer nachdenklichen Note versehen sind. Das trifft selbst auf „Joanna", ein Song über und für seinen Sohn, der eine schmerzliche Trennung zu verarbeiten hatte, zu. „Selfie In The Square“ ist seiner Frau gewidmet. Die Geschichte dazu: Neal Morse weilte in Luxemburg und der Tag war eigentlich perfekt – Wetter, Umgebung – nur war seine Liebste eben nicht dabei. Er schrieb seine Gedanken dazu auf und daraus wurde dann dieses Stück. Musikalisch ist das oftmals arg rührselig ausgefallen. Das ist Musik für Menschen jenseits der 40. - mindestens. Muss es aber ja auch geben.

 

Positiv gestimmt sind die einzelnen Lieder nun wirklich. „She´s Changed Her Mind“ kann einem den Tag verschönern. Das Gitarrenspiel dazu ist zuckersüß. „Wave On The Ocean“ ist Popmusik die gute Laune verbreitet und keinem sonderlich weh tut. Kaum zu glauben, dass das aus der Feder des Progmeisters stammt. „Life & Times“ ist derart voll von fluffigen Melodien und eingängigen Hooklines, dass da für jeden was dabei ist. Wie es so schön heißt: von 8 bis 88. „Livin´ Lightly“ gibt die Richtung zu Beginn schon vor. Das ist tolle Popmusik mit Americana-Einschlag. Dazu kann man wunderbar auf dem Highway in den Sonnenuntergang cruisen. „Good Love Is On The Way“ schließt sich da nahtlos an. Neal Morse hat Wort gehalten: man kriegt da unweigerlich gute Laune.

 

Etwas schwerere Kost ist „He Died At Home“. In dem Text beschreibt Morse die Trauer einer Mutter über ihren Sohn. Der Sohn war ein Soldat. Neal Morse: "Ich hatte für den Mitbewohner eines Freundes gebetet, einen Ex-Soldaten mit persönlichen Problemen. Als wir in Paris auftraten, erhielt ich morgens die Nachricht, dass er gestorben war. Als ich dann begann, die Ideen für einen Song über ihn zu entwickeln, erinnerte ich mich an eine Begegnung auf einer Militärbasis in Tennessee. Dort sollten wir für die Männer beten, denn fast jede Woche gab es dort eine Beerdigung.“ Eingebettet in dezente Folkmusik – Gitarre und Streicher – ist das ein eindringliches Kleinod.

 

Die Ballade „You + Me + Everything“ geht ans Herz. Wer da in der zweiten Hälfte seiner 40er ist, sollte seine Liebste in den Arm nehmen und einfach nur zuhören. Jüngere Zeitgenossen werden dafür sowieso kein Ohr haben. „Manchester“ schunkelt fröhlich dahin. Mit „Lay Low“, „Old Alabama“ und „If It Only Had A Day“ gibt es auf der Zielgeraden zwei typische amerikanische Songs, die vom Country durchdrungen sind und das Album so mit einer sehr authentischen Note beenden.

 

Fazit: Neal Morse hat sich mit seinem neuen Soloalbum „Life & Times“ ganz weit von seiner eigentlichen musikalischen Spielwiese – dem Progrock – entfernt. Hier gibt es sehr viel griffigen (handgemachten) Pop mit einigen Americana-Einflüssen zu hören. In den besten Momente ist das schöne, authentische Musik - in den schlimmeren biedere Musik, die man hierzulande unter Schlager einsortieren würde. Letztlich ist das Musik für ältere Zeitgenossen, die sich gerne in die schönen Sounds und die Atmosphäre fallen lassen wollen. Und dann kann das Album mit einem Pfund wuchern, welches heute viel zu kurz im aktuellen Musikgeschehen kommt: Seele! Man hört nämlich mit jedem Ton, dass Neal Morse genau dieses Album – unabhängig vom Zeitgeist, unabhängig vom Blick auf irgendwelche Erfolgsformeln – machen wollte. Es ist eine Herzensangelegenheit von Morse. Danke dafür!

 

http://www.nealmorse.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch