Ian Gillan & The Javelins: dito

Ian Gillan & The Javelins: dito

earMUSIC

VÖ: 31.08.2018

 

Wertung: 7/12

 

Es muss für einen Künstler ein ungemein befreiendes Gefühl sein, wenn man Musik ohne Druck aufnehmen kann. Bei dem vorliegenden Fall wissen ja auch alle Beteiligten, dass sich das so oder so verkaufen wird. Bei der vorliegenden Veröffentlichung wird zwar im Vorfeld immer wieder erwähnt, dass sich die Band ja schon in den frühen 60ern gegründet hätte, aber ohne das prominente Zugpferd geht es dann doch nicht ganz und so wird die ganze Kiste jetzt eben mit Ian Gillan & The Javelins betitelt. Es wäre ja auch im Grunde sträflich, wenn man dieses Faustpfand nicht nutzen würde.

 

Die vier Mitstreiter von Gillan sind übrigens nie Profimusiker geworden. Als The Javelins erspielten sie sich in den 60ern zwar einen lokalen Ruf eine passable Liveband zu sein, aber dann kam es anders. Ihr Frontmann schrieb mit Deep Purple Musikgeschichte und The Javelins waren Geschichte. Umso schöner dürfte es jetzt für alle Beteiligten gewesen sein, dass nun Jahrzehnte später doch noch ein Album aufgenommen wird. Man huldigt hier den alten Helden. Aufgenommen wurde das Album in den Chameleon Studios in Hamburg, Deutschland, während einer viertägigen Recording-Session im März 2018.

 

Sechzehn Songs haben es dabei auf das Album geschafft. Das sind fast durchgängig alles bekannte Songs und Welthits. The Javelins frönen hier dem Soul, Blues, Country oder Skiffle der alten Schule. Man hört durchaus, dass die älteren Herren eine Menge Spaß bei den Aufnahmen gehabt haben müssen. Trotzdem ist das alles derart bieder und brav, dass kein Hahn danach krähen würde, wenn da vorne nicht Ian Gillan auf der Hülle geschrieben stehen würde. Von seinen gesanglichen Qualitäten ist da auch kaum etwas zu hören. Nun gut, das geben die Songs auch nicht her, dafür hat er ja Deep Purple, aber das klingt dann schon nach der Schützenzeltvariante. Das ist nicht mal böse gemeint, aber auf den Dörfern spielen sich eben auch ganz passable Bands auf verschiedenen Festivitäten die Finger mit diesem Material wund.

 

„Rock and Roll Music“ von Chuck Berry zeigt das ganze Dilemma auf. Was gibt es von diesem Song doch für schmissige Varianten! Das geht der hier vorliegenden Version komplett ab! Das könnte man sich so auch gut von einer Horde Volkshochschullehrer vorstellen. Selbiges gilt auch für „High School Confidential“ von Jerry Lee Lewis. Teilweise kriegt man den Eindruck, dass die Herren Angst vor der eigenen Courage hatten.

 

Nein, das ist natürlich nicht schlecht, dafür ist Gillan zu sehr Profi und das Ausgangsmaterial zu gut. Und wenn dann Don Airey noch die Orgel, das Keyboard und Piano anschmeißt, dann kriegt selbst das entspannte „Chains“ noch mal die Kurve. Das bluesige „Another Saturday Night“ kommt auch sehr lässig daher. Da hat die Band zudem einen sehr guten Groove gefunden. Und das Mundharmonikaspiel ist auch noch ganz vorzüglich. Geht doch!

 

Überhaupt hat man nun das Gefühl, dass sich die Band in dieser Albumphase freigeschwommen hat. „You´re Gonna Ruin Me Baby“ ist ganz entspannter und großartiger Westernsaloon-Barblues. Das angriffslustige „Smokestack Lightnin´“ entpuppt sich sogar als heimlicher Höhepunkt des Albums. Da hört man dann auch ganz deutlich wo die musikalischen Wurzeln von Gillan zu finden sind. „Hallelujah I Love Her So“ kann leider zu keiner Zeit an die Ray Charles-Version anknüpfen. Dagegen wirkt das hier regelrecht hüftsteif. Wie es besser geht zeigt „What I´d Say“. Tolle Umsetzung des Klassikers. „Mona (I Need You Baby)“ ist nach dem braven Auftakt mit „Do You Love Me“ ein richtig schöner Abschluss der Nostalgiereise.

 

Fazit: The Javelins haben endlich (mal wieder) ein Album aufgenommen. Die Band formierte sich in den 60ern, war da aber nur als Live-Act in Erscheinung getreten. In den 90ern gab es dann sozusagen das Debüt. Jetzt folgt im Grunde der Nachfolger. Erneut hat man sich den Klassikern der Vergangenheit gewidmet. Hier kann man dann auch sehr schön nachvollziehen, wo die musikalischen Wurzeln von Ian Gillan zu suchen und finden sind. Manchmal klingt das eben nach biederer Altherrenmusik für das Festzelt. Hörbaren Spaß haben die Herren auf jeden Fall gehabt und in der zweiten Hälfte kann das Album auch richtig was.

 

Text: Torsten Schlimbach

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