Haudegen: Lichtblick

Haudegen: Lichtblick

Warner

VÖ: 25.09.2015

 

Wertung: 7/12

 

Hagen Stoll und Sven Gillert sind seit 2010 als Haudegen unterwegs. Die beiden tätowierten Kerle mit ihren Muskelpakten wirkten bisher immer wie eine Einheit, die nichts so leicht auseinanderbringen kann. Einschüchternd zudem. Und doch gab es dann auch mal ein paar Risse im Gefüge und man ging sich achtzehn Monate – mehr oder weniger – aus dem Weg. Jeder musste mal sein Ding machen. Vielleicht brauchten beide aber auch nur mal Abstand, nicht nur voneinander, sondern auch von dem ganzen Zirkus der um Haudegen veranstaltet wurde. Ernsthafte Streitigkeiten gab es wohl auch nicht. Und jetzt sind die Herren ja zurück. Ein „Lichtblick“.

 

Haudegen sind ja das klassische Beispiel dafür, dass man sich nicht von Äußerlichkeiten blenden lassen sollte. Wer die beiden nicht kennt, wird die mitunter schnell in eine Ecke stellen, in die sie überhaupt nicht gehören. Ein Selbstversuch sei an dieser Stelle empfohlen. Zeigt mal Bilder von Hagen Stoll und Sven Gillert Leuten, die noch nie was von Haudegen gehört haben. Da werden sämtliche Klischees aus der Schublade geholt. Tja, Leute, am Arsch. Diese beiden gutherzigen Bären sind anders.

 

In einem Interview konnte man neulich sehen, dass die beiden Haudegen sich als nicht politische Band einstufen. Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Die beiden traten beim Anti-Pegida-Konzert in Dresden auf, Hagen Stoll veröffentlichte einen Anti-Pegida Song und auch „Lichtblick“ ist alles andere als unpolitisch. „Gib Mir Mein Problem Zurück“ legt ganz offensiv die Finger in die Wunden. „Zusammen Sind Wir Weniger Allein“ besitzt natürlich auch Allgemeingültigkeit für die Gesellschaft, ist aber auch sicher ein bisschen von den achtzehn Monaten Kumpelpause inspiriert worden. Musikalisch dröhnt es hier wesentlich mehr als damals auf „Schlicht & Ergreifend“. Die beiden sagen von sich selbst ja gerne, dass sie Gossenpoesie machen. Jetzt, da die Musik etwas härter wird, geht das aber weniger in die Liedermacher-Richtung und es kommen da ein paar unschöne Assoziationen mit einer Band aus Frankfurt oder dem Deutschrock auf.

 

Dieser hemdsärmlige Rock mit seiner einfachen Sprache dürfte alle ansprechen, die sich von der Gesellschaft ausgestoßen fühlen. Es wird die Freundschaft besungen und gefeiert. „Freunde In Der Not“ sind eben immer da. Sprachästheten kommen bei Haudegen sicher nicht auf ihre Kosten. Dafür ist diese Musik aber auch nicht gemacht. Die beiden sind sich der eigenen Stärken durchaus bewusst. Die einfache Bildsprache kann gewaltig sein und genau das beherrschen die beiden sympathischen Männer aus dem Effeff. Die Musik holt einen aber nicht immer ab. „Kleine Tragödien“ klingt dann auch wie eine Taschenausgabe der Toten Hosen.

 

Die Balladen sind diesmal auch etwas härter. „Schlecht Geht Es Mir Gut“ brazt schon ordentlich daher. „Igor & Nassim“ ist auch ein klares Bekenntnis. Haudegen lassen keine Zweifel aufkommen wo sie stehen. Gut so. Dann kommt mit „Ich Bin Einfach“ der Klaus Lage-Moment der Platte. Überhaupt ist die Platte an dieser Stelle extrem stark. Das variantenreiche „Finsternis“ überzeugt da ebenso wie die straighte Rocknummer „Tränen Wie Deine“. „Unter Die Haut“ holt noch mal den Klaus Lage hervor, während „Nackt Fotografieren“ etwas zu viel Pathos aufträgt. „Ziemlich Beste Freunde“ ist DAS Lied der beiden. „Allein Gegen Riesen“ und „Hals & Beinbruch“ beenden das Album auf Balladenpfaden im Rockgewand.

 

Fazit: Die beiden Haudegen machen immer noch Musik für die Leute von der Straße. Für den berühmten kleinen Mann. Für die Arbeiter. Für die Unterdrückten. Die Texte und die Bilder mit denen sie arbeiten, sind klar verständlich, hin und wieder aber auch etwas hölzern. Das macht es aber wiederum auch liebenswert. Das (Deutsch)Rockgewand sitzt allerdings nicht immer und es fehlt dann an den feinsinnigen Zwischentönen. In der zweiten Hälfte hat „Lichtblick“ eindeutig bessere Momente zu bieten. So oder so: den beiden sympathischen Kerlen gönnt man einfach jedweden Erfolg!

 

http://www.haudegen.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Haudegen: Schlicht & Ergreifend

Haudegen: Schlicht & Ergreifend

Warner

VÖ: 27.05.2011

 

Wertung: 8,5/12

 

Die letzten Wochen rollte die Promotion-Maschine für Haudegen unaufhörlich. Viele Neuigkeiten wollten in die Welt hinausgetragen werden. Den beiden Herren wurden nicht nur die Steigbügel gehalten, sondern auch gleich auf die Pferde geholfen. Reiten müssen die beiden tätowierten Jungs nun aber von ganz alleine. Man sollte hier übrigens gleich sämtliche Vorurteile über Bord werfen und sich nicht von Äußerlichkeiten ablenken lassen. Hagen Stoll und Sven Gillert machen alles, nur nicht die Musik, mit der jeder hier rechnen würde.

 

Die rauen Stimmen passen noch ins Bild, aber die Musik nicht. Vieles ist eher ruhig instrumentiert, der Rest geht dann gerade noch so als Deutschrock durch. Und jetzt muss man auch einfach mal ein Genre in den Ring werfen, welches allgemein der Lächerlichkeit preisgegeben ist: dem Schlager. „Ich war nie bei dir“ ist im Grunde nichts anderes. Haudegen schaffen es allerdings den ganzen Mief vor der Tür zu lassen. Überhaupt sind die zwanzig Songs ziemlich authentisch. Man nimmt den beiden eben ihre Gossenpoesie über Liebe, Trauer, Freundschaft und politische Themen ab.

 

Ein Debütalbum als Doppel-CD anzulegen grenzt zudem fast an Wahnsinn. Jeweils zehn Tracks finden sich auf den beiden Silberlingen wieder. Die zweite Scheibe - „Ergreifend“ - ist dabei noch ruhiger ausgefallen. Auf „Schlicht“ gibt es auch rockige Ausreißer wie „Geh in das Licht“. Mit „Auf die alten Zeiten“ haben Haudegen sogar einen sehr beachtlichen Song über Freundschaft und eben die guten Tage abgeliefert – eignet sich gar als Partysong, nur ohne Tamtam und Wendler-Einschlag. „So fühlt sich Leben an“ oder „Ein Mann ein Wort“ lassen dann auch deutlich die Einflüsse von Haudegen erkennen. Wobei dies schon mehr Klaus Lage denn Grönemeyer ist. Man muss es aber mit eigenen Ohren hören, denn die eher sanfte Stimme von Sven Gillert und die rohe Urkraft von Hagen Stoll entfalten eine ganz eigene Wirkung.

 

Eigentlich kommen die beiden Herren ja vom Rap, wenn aber die Slideguitar aufspielt oder auch mal jazzige Kneipenkeller-Töne zu vernehmen sind wie bei „So oder So“, dann bleibt davon nichts mehr übrig. Manchmal ist das schon an den guten alten Folk oder Country angelehnt. Seemannsromantik bei „Setz die Segel“ gibt es kostenlos obendrauf. Die Traurigkeit von „Dein Zimmer“ hätte den beiden Herren vermutlich kaum einer zugetraut. Politisches wird bei „Weiße Westen“ ohne Umschweife direkt auf den Punkt gebracht. Dazu gesellen sich Klaviertöne, die man ebenfalls nicht vermutet hätte.

 

Fazit: Haudegen sind sicher nicht für Jedermann gemacht. Die beiden kommen aus Berlin-Marzahn und wissen entsprechend, wovon sie da singen. Das ist authentisch ohne allerdings sämtliche Klischees hoch und runter zu beten. Musikalisch bewegt sich das zwischen Deutschrock, Country, Folk, Liedermacher und Schlager(!) und macht eine ziemlich gute Figur. Ehrliche Musik von ehrlichen Männern? „Schlicht & Ergreifend“ lauschen und sich selbst ein Bild machen! Das Deutsche Filmorchester Babelsberg gibt es obendrauf!

 

http://www.haudegen.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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