Garbage: Strange Little Birds

Garbage: Strange Little Birds

PIAS/Rough Trade

VÖ: 10.06.2016

 

Wertung: 8,5/12

 

In den 90ern war im Indie- und Alternativbereich bekanntlich eine ganze Menge los und möglich. Als Kurt Cobain starb, schien auch das Interesse am Rock mal wieder verschwunden zu sein. Die Welt hatte – ohne es zu wissen – auf Garbage gewartet. Das selbstbetitelte Debütalbum ging durch die Decke. „Stupid Girl“, „Only Happy When It Rains“, „Queer“ und „Milk“ waren die Hits der Stunde. Aushängeschild war Butch Vig, da der Mann hinter der Schießbude als Produzent nicht nur für Nirvana so manches Meisterwerk betreut hatte. Schnell merkte man aber, dass da mit Shirley Manson eine echte Rampensau am Mikro stand, die zudem auch noch so manches druckreife Zitat abliefert. Die beiden Gitarristen Duke Erikson und Steve Marker spielten in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle. Mit „Version 2.0“ und den Hits  „Push it“, „I Think I'm Paranoid“  und „The Trick Is To Keep Breathing” legte die Band kongenial nach. Danach wurde die Kapelle von einigen privaten Schicksalsschlägen gebeutelt und die nachfolgenden Alben spielten in der breiten Wahrnehmung kaum noch eine Rolle. Die längste Pause zwischen zwei Alben sollte sich dann von 2005 bis 2012 hinziehen – die dazwischen veröffentlichte Werkschau nicht mitgezählt. Jetzt gibt es mit „Strange Little Birds“ endlich den Nachfolger zum 2012er Werk.

 

Mit „Strange Little Birds“ gehen Garbage auf jeden Fall schon mal in das Rennen um den Titel des „hässlichsten Albumcovers des Jahres“. Entscheidend ist ja auf dem Platz, so eine alte Fußballerweisheit. Und auf dem Platz, sprich auf dem Album und mit der Musik, können Garbage schon punkten. Es ist zwar kein Kantersieg, aber so mancher schöner Spielzug ist dann doch enthalten. Hin und wieder verwaltet das Quartett aber auch nur den Spielstand oder schindet Zeit. Das ist sicherlich legitim. In dem Alter hat man ja nun auch nicht mehr die Puste und neue Tricks kommen auch nur noch spärlich dazu. Die Band weiß um die eigenen Stärken und die werden gekonnt ausgespielt. Der Sound ist unnachahmlich und Shirley Manson ist immer noch – zumindest bei der Studioproduktion – ein Zaubermäuschen. Da schafft sie es sogar noch das unglaublich kitschige, langweilige, dröge und fürchterliche „Teaching Little Fingers To Play“ geheimnisvoll klingen zu lassen. Na gut, Depeche Mode haben solche musikalischen Grausamkeiten ja mittlerweile salonfähig gemacht.

 

Aber keine Sorge, es gibt sie, die Perlen. Eine davon wurde mit „Sometimes“ gleich an den Anfang gesetzt. Die Nummer pluckert sich geheimnisvoll aus den Boxen und erinnert an die Nine Inch Nails zu Zeiten von „Fragile“! Schade, dass man den Pfad der Düsternis dann mit „Empty“ direkt wieder verlassen hat. Dafür feuert einem die Band hier ihren Trademarksound entgegen. Das Ding macht schon Spaß und als Fan fühlt man sich da sehr heimisch. Mit „Blackout“ geht es dann direkt mal mit der nächsten Überraschung weiter. Bevor der Gesang von Manson die Szenerie bestimmt, könnte man glatt auf die Idee kommen, dass dies ein neuer Track von The Cure wäre. Bis hierhin ist das ein tolles, gar überraschendes Album. Mit dem dunklen, bassgetriebenen „If I Lost You“ wird das fortgesetzt. Die Feinheiten gilt es im Hintergrund zu entdecken. Das eigentlich ruhige Stück hat nämlich sehr viele Spielereien versteckt.

 

„Night Drive Lonelines“ ist ein weiterer, düsterer Song im Midtempobereich. Die Nummer hat einen schönen Groove und wird zum Refrain hin opulent ausgearbeitet. „Even Though Our Love Is Doomed“ bleibt musikalisch beim Thema. Garbage haben auf diesem Album in den ruhigen und düsteren Songs tatsächlich ihre stärksten Momente. Das wird zwar keine neuen Fans generieren, aber darum geht es ja vermutlich auch nicht mehr. „Magnetized“ und (noch mehr) „We Never Tell“ erinnern ja auch wieder an die Garbage der 90er Jahre. Das rockt. Das ist nett. Das macht Spaß. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Live werden die Songs sicher so richtig abgehen. „So We Can Stay Alive“ probiert sich dann noch mal an allerlei elektronischem Gedöns aus und kommt dann doch noch recht krachig daher – laut hören! -, bevor mit dem schon erwähnten „Teaching Little Fingers To Play“ der einzige Ausfall des Albums folgt. „Amends“ beendet „Strange Little Birds“ wie es mit „Sometimes“ begonnen wurde: düster und geheimnisvoll. Ein Gewitter braut sich da zusammen und entlädt sich dann auch noch vollends.

 

Fazit: Garbage legen mit „Strange Little Birds“ ein sehr, sehr ordentliches Album vor. Der Trademarksound ist an der einen oder anderen Stelle natürlich deutlich auszumachen. Es gibt aber auch viele düstere Momente, die sich langsam aufbauen. Man sollte dieses Album mal Trent Reznor vorspielen, er wird es mögen. Fans werden an  „Strange Little Birds“ sehr viel Freude haben. Es gibt ja auch eine Menge zu entdecken und die Feinheiten sind in den Details versteckt. Man sollte das Album mitunter auch richtig laut hören, denn dann entfaltet sich seine volle Pracht. Punktsieg und Titelambitionen sind da klar zu erkennen.

 

https://www.garbage.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Garbage: Not Your Kind Of People (Deluxe Edition)

Garbage: Not Your Kind Of People (Deluxe Edition)

Stunvolume/Cooperative Music/Universal

VÖ: 11.05.2012

 

Wertung: 7,5/12

 

Vieler Worte bedarf es nicht. Garbage sind zurück! Nach sieben langen Jahren des Wartens veröffentlicht die Band wie aus dem Nichts „Not Your Kind Of People“. Aufgenommen wurde die Platte vor gut einem Jahr in Los Angeles. Die Band ist ja dafür bekannt nicht viele Worte zu verlieren und vermutlich ist dies auch ein Grund dafür, dass es letztlich so lange gedauert hat. Um das Innenverhältnis und das Bandgefüge soll es ja nicht unbedingt immer gut bestellt gewesen sein. Man munkelt auch noch von Querelen mit dem Label. Ob dies nun aufgearbeitet wurde oder nicht sei mal dahingestellt. „Not Your Kind Of People“ knüpft jedenfalls nahtlos an den bisherigen Backkatalog an.

 

Fans dürfen sich also freuen, denn im Grunde ist alles wie gehabt. „Not Your Kind Of People“ könnte auch aus den 90ern sein. Shirley Manson, Butch Vig, Duke Erikson und Steve Marker haben in typischem Garbage-Soundgewand ein recht stimmiges Werk auf die Beine gestellt. Was auffällt ist der enorme Aufwand der hier betrieben wurde. Dies stellt sogar alles bisherige in den Schatten. Mit anderen Worten, Butch Vig hat über die Jahre aus dem einstigen Schrank mit Effekten eine ganze Siedlung gemacht und das auch alles benutzt. „Not Your Kind Of People“ ist nämlich gnadenlos überladen und das erdrückt die eigentlich guten Popsongs doch an der einen oder anderen Stelle.

 

Die drei Herren schaffen es immer wieder, die eigentlich harmlosen Melodien zu verzerren und regelrecht zu entstellen. Garbage haben eben einen ganz eigenen Sound. Selbst ohne den Gesang von Shirley Manson kann man eine Garbage Nummer meist nach ein paar Sekunden erkennen. Hin und wieder weicht das aber auch etwas auf. „Blood For Poppies“ wirkt zumindest in den Strophen ordentlich entschlackt und der Groove erinnert gar an das Reggae-Genre. Im Refrain wird aber wieder alles aufgefahren, was die Effektküche hergibt und dann wabert und zirpt es an allen Ecken und Enden.

 

Angriffslustig geben sie sich. „I was trapped like a prisoner in my skin/I was punished like an animal for my sins“ aus "Control" wird dann auch musikalisch richtig in Szene gesetzt. Dampfwalzensound können Garbage eben wie keine zweite Popband. Es geht aber auch anders, wie sie mit dem verspielten und entrückten Titelsong „Not Your Kind Of People“ zeigen. In psychedelische Gefilde wagen sie sich dort zwar vor, vernachlässigen dabei aber keineswegs die Melodien und Manson singt wie ein Alien von einem fernen Planeten.

 

„Felt“ reicht gar bis in die 80er zurück und erinnert an My Bloody Valentine. Steht ihnen gut und hier machen die nebeligen Soundschwaden auch Sinn. „I Hate Love“ kommt hingegen schnell und direkt auf den Punkt, während das sphärische „Sugar“ durch Zeit und Raum gleitet. Dagegen wirkt ein „Battle In Me“ reichlich blutleer. Klar, das Ding soll vordergründig rocken und zeigen, dass die älteren Herrschaften das immer noch können, aber eigentlich wird hier nur auf dicke Hose gemacht und gezeigt, was man alles durch Echogeräte jagen kann und der Effektschrank so hergibt. Gnadenlos überproduziert! Überhaupt fällt auf, dass dies bei den schnelleren Stücken leider immer wieder der Fall ist und sie da irgendwie die richtige Ausfahrt verpasst haben. Bei der Ballade „Beloved Freak“ haut das einfach besser hin, da dort nur die verspielte Note unterstrichen wird, ansonsten aber von Frau Manson sicher getragen wird.

 

Die Bonustracks der Deluxe Edition sind überraschend gut und geben im Großen und Ganzen wieder, für was Garbage im Jahr 2012 stehen. „The One“ klingt dann auch wie die Schnittmenge der gesamten Platte. Dampfwalze, Synthies, Effekte, Echo und ein Vamp am Mikrofon. „What Girls Are Made Of“ rockt sich hingegen düster durch den Zauberwald. Da klingt so ein ganz kleines bisschen eine The Cure Gitarre durch. Auch die schöne Ballade „Bright Tonight“ erinnert an Robert Smith - allerdings in seiner fröhlichen Phase. „Show Me“ beendet dann die Garbage Ausgabe 2012 etwas lahm und ziellos. Ist ein bisschen von allem, kann sich aber nicht wirklich für eine Richtung entscheiden. Die Scheibe beginnt mit dem Discogeboller von „Automatic Systematic Habit“ aber auch mit einem Totalausfall und somit schließt sich dann doch wieder der Kreis.

 

Fazit: Garbage legen nach langer Pause mit „Not Your Kind Of People“ ein überraschend stimmiges Album vor, welches an der einen oder anderen Stelle aber auch viel zu viel Klimbim, Zaubertricks und Effekte auffährt. So ist das, wenn man drei Produzenten in der Band hat. Ihrem eigenen Stil und Sound bleiben sie aber treu und so gibt es auch auf dieser Platte wieder jede Menge verzerrter Popsongs.

 

http://garbage.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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