Einstürzende Neubauten: Lament

Einstürzende Neubauten: Lament

Mute Records

VÖ: 07.11.2014

 

Wertung: 8,5/12

 

Die Einstürzenden Neubauten waren noch nie eine Band die mit herkömmlichen Maßstäben gemessen werden konnte. Egal was diese Künstler auch veranstalteten, es war stets gegen alle Regeln des Musikgeschäfts gebürstet. Nicht selten trat dabei die völlige Dekonstruktion zu Tage. Was in dem einem Moment aufgebaut wurde, wurde im nächsten schon wieder krachend zum Einsturz gebracht. Musiziert wurde in der Vergangenheit schon auf und mit so ziemlich allem, was irgendwie Geräusche erzeugt und Lärm macht. Stille ist aber auch ein altbewährtes und probates Mittel der Einstürzenden Neubauten. Nichts muss und alles kann. Dies gilt auch wieder für „Lament“.

 

„Lament“ widmet sich dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Band um Blixa Bargeld stürzte sich vorab zunächst in die intensive Recherchearbeit. Tonbandaufnahmen von Kriegsgefangenen aus den Jahren 1914-1916 wurden ebenso gesichtet, wie Material aus dem Militärhistorischen Museum Dresden. Dies wurde dann teilweise für die Aufnahmen verwendet. Das Titelstück, welches gleichzeitig ein Klagelied ist, setzt sich zum Teil aus dem Werk eines flämischen Renaissancekomponisten zusammen. Die erste afroamerikanischen Kampftruppe, die sogenannten „Harlem Hell Fighters“, musizierte auch und wird auf „Lament“ von den Einstürzenden Neubauten geehrt.

 

Und so wie sich das liest, hört es sich dann auch an. Die Einstürzenden Neubauten haben wieder mal ein Album aufgenommen, welches im Grunde mit sämtlichen Konventionen bricht. Mit Musik im herkömmlichen Sinne hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun. Eigentlich ist das unhörbar und doch zieht einen diese Platte in ihren Bann. Man wird in diesen Strudel gerissen, der nach und nach ein erschütterndes Bild offenbart. Kalt lässt einen „Lament“ bestimmt nicht. Dieses Konzeptalbum kann einen aufgrund der Thematik ja schon nicht kalt lassen. Mit dem ersten Track wird die „Kriegsmaschinerie“ in Gang gesetzt und wie sich die Neubauten da steigern, läuft es einem kalt den Rücken runter. Die „Hymnen“ kennt jeder und doch ist das in diesem Zusammenhang ein ganz schwerer Brocken. Und wenn bei „Lament 2.Abwärtspirale“ die Schüsse durch die Szenerie wie ein Donnerhall jagen, dann zuckt man unweigerlich zusammen. Beängstigend, wie real dies von den Einstürzenden Neubauten auf ihre ganz eigene Art und Weise vertont wurde.

 

Auch „Der 1. Weltkrieg (Percussion Version)“ ist voller berührender Düsternis. Die vielen Wortfetzen zwischendurch schleudern einem das Grauen mit voller Wucht um die Ohren – dazu muss man gar nicht alles verstehen. „How Did I Die?“ wird durch die dunkle Stimme von Bargeld kongenial getragen. Mephisto ist auch wieder da, Nick Cave hat seine Spuren hinterlassen. „Sag Mir Wo Die Blumen Sind“ ist ebenfalls genial und wie Bargeld mit seiner Stimme verschiedene Stimmungen erzeugen kann ist schlicht und ergreifend herausragend. Und dann geht es mit „Der Beginn Des Weltkrieges 1914“ in die Abteilung Hörbuch und Bargeld erzählt aus der Sicht der Tiere. „All Of No Man´s Land Is Ours“ beendet dieses Konzeptalbum so eindrucksvoll wie es begonnen hat.

 

Fazit: Die Einstürzenden Neubauten legen mit „Lament“ ein Album zum Beginn des 1. Weltkrieges vor, welches einem die Sprache verschlägt. Wer die Band um Blixa Bargeld kennt und mit welchen Mitteln diese Musik inszeniert, weiß, dass es hier an die Substanz geht. Kalt lässt einen das ganz sicher nicht. „Lament“ muss man letztlich als eine Art bedrückendes Hörspiel verstehen. So schnell wird man diese 77 Minuten sicher nicht vergessen.

 

http://www.neubauten.org/

 

Text: Torsten Schlimbach

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