Clare Bowen: dito

Clare Bowen: dito

BMG/Warner

VÖ: 17.04.2018

 

Wertung: 7,5/12

 

Die Rolle Scarlett O’Conner dürfte fast bekannter als die Frau dahinter sein. Clare Bowen hat besagte Scarlett in der Serie „Nashville“ mit Leben gefüllt. Das TV-Publikum zeigte sich regelrecht begeistert von ihrer Interpretation des fiktiven Charakters. Die gebürtige Australierin tourte mit den Co-Stars von „Nashville“ durch die Weltgeschichte und so stand ihr eigenes Debüt etwas länger auf der Warteliste. Clare Bowen ist nämlich auch im echten Leben Musikerin und schreibt Songs. Sie wuchs auf einer kleinen pazifischen Insel mit der Plattensammlung ihrer Eltern auf. Dies war durchaus eine illustre Runde, denn darunter waren so unterschiedliche Künstler wie Paul Simon, Elvis, Vivaldi, aber auch Loretta Lynn und Johnny Cash zu finden. Dort wurde der Grundstein für ihre musikalische Sozialstation gelegt, die sie schließlich bis nach Nashville und zu den Schwergewichten der Szene führte. Jetzt wird endlich das Debütalbum veröffentlicht.

 

In gewisser Weise ist es gut, dass Clare Bowen zuerst eine Karriere als Schauspielerin startete. Ihre Rolle als Scarlett O´Conner ist ja letztlich durch und durch von Musik geprägt. Bowen musste sich unglaublich viel Material aneignen. Sie durfte immerhin Songmaterial weit im dreistelligen Bereich lernen und zudem auch noch die unterschiedlichsten Instrumente spielen. So ganz nebenbei konnte sie auch noch den Umgang vor Livepublikum und mit Mikrofonen üben. Diese Schule hat ihr sicherlich dabei geholfen die vorliegenden Songs zu schreiben. Noch vor Veröffentlichung des Albums ist ihr Ruf derart gut, dass die Tickets für die Tour wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln weggingen und einige Konzerte sogar hochverlegt werden mussten. Dass sie schon bei Helene Fischer zu sehen war, dürfte ihre Bekanntheit schlagartig gesteigert haben – für den Ruf als ernstzunehmende Künstlerin ist das allerdings nicht sonderlich produktiv. Aus Marketingsicht war das natürlich ein ordentliches Pfund.

 

Die elf Songs des Debüts sollten nun doch eine große Zielgruppe ansprechen. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn das Album kein Renner wird. Die glatte Produktion passt zudem wunderbar ins Formatradio. Die erste Hälfte des Albums ist die deutlich stärkere und auch abwechslungsreicher. Die Single „Let It Rain“ eröffnet das Debüt ganz famos. Die Stimme von Bowen ist klar wie ein Bergfluss, der Backgroundchor verleiht der Nummer Soul, die Atmospähre von Nashville ist greifbar und durch die Art des Gitarrenspiels kriegt das sogar ein kleines bisschen eine dreckige Note. Was macht eigentlich Sheryl Crow noch so? Hier kann sie sich Inspiration holen!

 

„Doors & Corridors“ hat auf der einen Seite einen unglaublich tollen Groove durch den Bass und die Percussion, kriegt durch die countryeske Gitarre und die entspannte Art des Gesangs aber auch eine unfassbar entschlackende Note verliehen. Das ist Country-Musik, wie sie auch im Jahre 2018 noch modern klingen kann. „Tide Rolls In“ fängt zwar mit dezenter Instrumentierung an, wird dann aber opulent ausgearbeitet und steigert sich enorm. Das Stück hat durch die treibenden Drums zudem unglaublich viel Drive. Das Klavier schlägt auch mal ein paar – gewollt – schräge Töne an. Dazu jubiliert der Backgroundchor, als würde er in der Gospelkirche stehen. „Aves´ Song“ ist ganz und gar klassischer Country. „All The Beds I´ve Made“ ein herzergreifende Ballade, bei der Bowen ihre Stimme entsprechend angepasst hat.

 

Danach kriegt das Album leider eine kleine Bruchstelle. „Lullabye“ ist eine weitere Ballade, diesmal allerdings eher im Popbereich zu finden. Gesanglich ist das schön, keine Frage. Leider bleibt aber auch der nächste Song in der leisen Ecke stecken. Eine feine Akustikgitarre und Gesang reichen manchmal ja auch vollkommen aus. Es fehlt in dieser Phase aber schlicht an Variationsmöglichkeiten. „Lijah & The Shadow“ legt immerhin dezent an Tempo zu. Instrumentiert ist dieses Singer/Songwriterstück mit Popeinschlag schon toll und zudem zeigt sich hier auch das Facettenreichtum der Stimme. Zurücklehnen, Augen schließen und zuhören. Mit „Little By Little“ gibt es die nächste Popballade auf die Ohren. „Grace Of God & You“ - man traut es sich kaum zu schreiben – ist dann die nächste Ballade. Mit „Warrior“ wird dieses Terrain auch nicht mehr verlassen.

 

Fazit: Schade - was in der ersten Hälfte so vielversprechend begann, endet mit der zweiten dann doch etwas ernüchternd. Clare Bowen ist eine tolle Sängerin, die nicht unbedingt mit einem großen Stimmvolumen auffällt, aber doch sehr wandlungsfähig daherkommt. Zunächst gibt es da auch einen bunten Stilmix zu hören, der mal groovt, mal durch exzellente Gitarrenarbeit auffällt und sehr abwechslungsreich ist. Nach und nach entwickelt sich das aber zu einem reinen Balladenalbum - mit einem großen Schritt in Richtung Pop. Das ist immer noch gut, keine Frage, nur fehlt es ab der Mitte etwas an Variationen un dann kann sich Bowen auch kaum von der Musik, die den Markt überschwemmt, absetzen. Das Zeug dazu hat sie nämlich definitiv und das hört man den ersten Songs mehr als deutlich an!

 

http://www.clarebowenofficial.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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