Bonaparte: dito

Bonaparte: dito

Warner

VÖ: 30.05.2014

 

Wertung: 8/12

 

Zu behaupten die Musik, die Tobias Jundt mit Bonaparte kreiert, könnte man mit normalen Maßstäben messen, ist ungefähr genau so sinnvoll wie im Hamburger SV den zukünftigen Meister der Fußballsaison 2014/15 zu sehen. Bonaparte ist anders, war schon immer anders und wird immer anders sein. Die expressive Darstellung auf der Bühne vervollständigt das Bild des kalkulierten Wahnsinns. Bonaparte polarisiert und provoziert. Dieser Ansatz ist heute ja weitestgehend aus der Musik verschwunden, Gleischaltung wohin man auch guckt. Im Grunde ist das Punkmusik, wenn auch mit anderen Mitteln. Das neue Album ist da mal wieder keine Ausnahme und ebenso verstörend wie faszinierend.

 

Nach dem instrumentalen Auftakt mit „1-800“ pluckert und scheppert es bei "I Wanna Sue Someone" ganz gewaltig. Unter der ganzen Hektik und dem Wahnsinn, gerne auch mit elektronischem Irrsinn, lauert das letzte Jahrzehnt in Form von Maximo Park und Art Brut. Also großartig! Bonaparte wäre nicht Bonaparte, wenn es da nicht auch immer wieder bissige Kritik gibt. Wer in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, kennt ja die Duckface Fotos die dort kursieren und wenn man „Selfie“ liest, möchte man sowieso schreiend wegrennen. „Me So Selfie“ nimmt sich dieser Thematik gewohnt ungeschminkt an. Willkommen in der schönen neuen Welt! Musikalisch und textlich ist das ein Tritt in die Eingeweide – tut in diesem Fall aber nicht weh.

 

„Two Girls“ bollert sich sehr schön durch den botanischen Garten. Die Art Sprechgesang und die ganze Umsetzung könnte auch von den famosen Eels sein. Ist also schon wieder ein toller Song. „Into The Wild“ ist ein ruhiger Song, der sich mit seiner Düsternis unironisch einschmeichelt. „Riot In My Head“ verlässt diese Schiene einstweilen nicht. Ein bisschen elektronischer Spielkram veredelt das – zunächst – minimalistische Soundgewand und dann bricht die Hölle los. Natürlich bricht die Hölle los. Schönes Ding. Was macht eigentlich Blixa Bargeld so? Es soll ja ein neues Werk der Einstürzende Neubauten geben. „Wash Your Thighs“ hätte dem jungen Bargeld mit Sicherheit gefallen. Was der Nummer vielleicht noch fehlt ist so eine kleine Schreiattacke zwischendurch die einem durch Mark und Bein fährt. Wie wäre es denn bitte mit der Raserei von „Out Of Control“? Oder noch besser: „Yes Dear You´re Right I´m Sorry“. „May The Best Sperm Win“ hat sogar Indiehitqualitäten. In den 90ern wäre damit jeder Schuppen einmal komplett umgedreht worden.

 

„Like An Umlaut In English“ ist gar nicht mal so spannend. Ein bisschen geht Bonaparte nach hinten raus die Luft aus. Einen richtigen Höhepunkt sucht man da vergeblich. „If We Lived Here“ ist mit seinem abgehackten Sprechgesang und dem recht schönen Refrain mit Computerspielunterbau, ein versöhnlicher Abschluss dieser abwechslungsreichen Platte.

 

Fazit: Bonaparte ist auch mit dem neuen Album wieder der vertonte Wahnsinn gelungen. Zwischen Lo-Fi, Punk, New Wave, Electrorock und jeder Menge verdrehter Einfälle ist das wieder das Hochamt der Indiekultur. Im Grunde ist alles wie immer bei Bonaparte, aber es macht auch immer noch eine Menge Spaß, da man nie weiß was nun schon wieder passiert.

 

http://www.bonaparte.cc/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Bonaparte: Sorry, We´re Open

Bonaparte: Sorry, We´re Open (Limited Special Edition)

Warner

VÖ: 17.08.2012

 

Wertung: 8,5/12

 

An Bonaparte schieden sich schon immer die Geister. Für die einen ist es die neue Bohème im Musikgeschäft, für die anderen ist es schlichtweg Trash. Damit kann die Berliner Band um den Schweizer Mastermind Tobias Jundt vermutlich bestens leben. Bei Bonaparte ist eben alles etwas anders und man sollte stets das Unerwartete in Betracht ziehen. Bonaparte erfüllen sicher kein musikalisches Schubladendenken. Möglich ist eben alles, aber auch dies kann ja schon wieder eine Erwartungshaltung sein. „Sorry, We´re Open“ ist das neue Machwerk und auch dies wird wieder die Hörer spalten. Für zartbesaitete Gemüter ist das sicher nichts.

 

Ähnlich wie die überbordende Bühnenshow der Truppe ist auch „Sorry, We´re Open“ wieder ein Füllhorn der Absonderlichkeiten. Was ist das nun? Punk? Electro? New Wave? Dark Wave? Indierock? Blues? Folk? Chanson? Comedy? Klamauk? Futter für das Feuilleton? Trash? Kunst? Künstlichkeit? Es würden einem immer mehr Schlagworte einfallen – Fragezeichen inbegriffen! Oder wird der Zuhörer veralbert? Oder der ganze Musikzirkus? Oder nimmt sich Bonaparte gleich selbst auf den Arm? Oder ist das vielleicht sogar zu ernst gemeint?

 

Ein schlichter Blick auf die Trackliste reicht schon aus, um festzustellen, dass Bonaparte mal wieder alles durch den Fleischwolf gedreht hat, was sich finden ließ. Es reicht bis in die 20er zurück. Faszinierend ist die ganze Geschichte, die übrigens in sämtlichen Teilen in Echtzeit – also auch die elektronischen Spielereien – aufgenommen wurde. Der Spoken Word Beitrag „When The Ship Is Thinking“ macht es einem zu Beginn nicht leicht. Dafür kommen Freunde der gepflegten Indieklänge bei „Quarantine“ voll und ganz auf ihre Kosten. Hört sich an, als würden Bloc Party und die Arctic Monkeys auf einem wilden Rave gemeinsam auftreten. Der Titeltrack „Sorry We´re Open“ pflügt sich in schöner minimalistischer Indiemanier durch den Garten. Slogans inbegriffen. Danach geht es nach Frankreich und jetzt wird der Gesang von lässig auf geheimnisvoll umgestellt. Coole Nummer, die ordentlich Pfeffer im Hintern hat.

 

Mit Bonaparte kann man ab sofort auch noch Work Out machen – Titel Nummer 5! Manchmal ist der Nervfaktor auch extrem hoch. „Point & Shoot“ überrascht aber mit einem derart charmanten Refrain, dass das Stück fast noch gerettet wird. „A Little Braindead“ hingegen ist reichlich bei MGMT und „Time To Pretend“ abgeguckt, dabei aber nicht ansatzweise so grandios. Deichkind passt natürlich irgendwie ins Bild, allerdings ist der gemeinsame Track „Alles schon gesehen“ eben ein astreiner Deichkindtrack und somit eine kleine Enttäuschung - hätte man sich aus Sicht von Bonaparte auch schenken können.

 

Songs wie das schrammelige „Quick Fix“ oder das Electrostück „High Heels To Hell“ passen einfach wesentlich besser zur Band. „In The Breaks“ entpuppt sich gar noch als astreiner Indiehit. Hut ab, da sammelt diese Band viele, viele Hörerschichten ein und diese werden es kaum merken. Bonaparte ist abstoßend und anziehend zugleich! Faszinierend – ach, hatten wir ja schon.

 

Fazit: Man kann zu diesem Irrsinn stehen wie man will, irgendwie schaffen es Bonaparte mit „Sorry, We´re Open“ nach und nach jeden mit ins Boot zu holen. Völlig egal, ob das nun alles ernst gemeint ist oder eben nicht, mit irgendeinem Song fangen sie die Indiefraktion und auch die Electronerds ein. Dazwischen ist alles möglich. Kartenspielen auch, denn ein solches liegt im dicken Karton der „Limited Special Edition“. Faszinierend!

 

https://www.youtube.com/watch?v=RE1FJBmFTTQ
http://www.bonaparte.cc/

 

Text: Torsten Schlimbach

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