Andreas Kümmert: Recovery Case

Andreas Kümmert: Recovery Case

Universal

VÖ: 23.09.2016

 

Wertung: 8/12

 

In den letzten drei Jahren hat Andreas Kümmert einige unschöne Dinge durchgemacht. Bei den Leuten ist leider nur hängengeblieben, dass er beim Eurovision Song Contest den deutschen Vorentscheid haushoch gewann, aber dann auf seine Teilnahme verzichtete. Was dann geschah, wünscht man keinem Menschen. Der Mensch Andreas Kümmert wurde dabei sowieso oftmals nicht bedacht. Letztlich war es eine Angststörung, aber wen interessierte das noch? Die öffentliche Meinung hatte sich ja längst gebildet. Wie so oft. Dies alles hat Andreas Kümmert nun mit „Recovery Case“ verarbeitet und vertont.

 

„Recovery Case“ ist ein gutes Album. Dass der Mann mit einer unglaublichen Stimme gesegnet ist, ist ja nun keine neue Erkenntnis. Abgesehen davon kann man sein unglaubliches Gespür für den Gesang nicht lernen – das wurde ihm in die Wiege gelegt. Auf „Here I Am“ passten die Songs aber nicht ganz, da war noch reichlich Luft nach oben. Die Texte für „Recovery Case“ hat Kümmert allesamt alleine geschrieben. Bei der Musik wurde ihm hier und da unter die Arme gegriffen. Mit Christian Neander hat er einen Produzenten mit an Bord, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist und als Gitarrist mit Selig ja auch schon einiges durch hat.

 

Mit „Ego Song“ und „I Love You“ öffnet Andreas Kümmert sein Herz und lässt den Zuhörer ein Stück in seine Welt. „I Love You“ ist dabei keineswegs ein Liebesschnulze für jemand anderen. Es geht für Kümmert darum sich selbst (wieder) zu mögen. „Ego Song“ dreht sich auch einzig um den Kosmos Kümmert. Ein Song als Therapie. Lernen sich wieder zu lieben. Jeder ist herzlich dazu eingeladen, daran teilzunehmen. Stark von Kümmert, dies so direkt zu formulieren.

 

Musikalisch sind die Songs oftmals langsamerer Natur. Blue Eyed Soul, wie mit „Notorious Alien“. Die flirrende Gitarre setzt ein paar schöne Farbtupfer, aber im Zentrum steht diese ausdrucksstarke Stimme. „Train To Nowhere“ ist bis zum Refrain dafür derart lässig, dass es für ein ganzes Album reicht. Leider ist der Refrain zu poppig. Die Ballade „Beside You“ ist luftig und leicht. „Falling“ geht in eine ähnliche Richtung. Der Akustiksong wurde nicht überladen und macht mit seinem Folkunterbau durchaus Spaß. Mit „Notorious Alien“ gibt es dann endlich auch mal einen derben Rocksong auf die Ohren. Die Handschrift von Neander ist da schon erkennbar, das gilt auch für „One Day“. Kümmert macht bei den rockigen Dingern einfach eine gute Figur, darf er gerne öfters so machen. Natürlich kann er auch die ruhigen Tracks mit viel Gefühl und Leben füllen, wie bei „The Beginning Is The End“. „Reflection“ ist solide, aber „Lonesome But Free“ und „Silver And Gold“ dann doch zu schmalzig. Bei „Desperate Moves“ legt Kümmert noch mal seine ganze Seele hinein. Düsterer und guter Albumabschluss.

 

Fazit: Mit „Recovery Case“ öffnet Andreas Kümmert ein bisschen sein Herz und Seelenleben. Songs, die wie eine Therapie wirken. Das wird mal ruhig und manchmal rockig vorgetragen. Handgemachte Musik zwischen Soul, Blues und Rock. Die Handschrift von Christian Neander ist deutlich hörbar. Das hat dem Sound durchaus gut getan. Die Rockschiene sollte Kümmert öfters fahren, die rast er nämlich ganz gekonnt entlang.

 

http://www.andreas-kuemmert.de/site/de/

 

Text: Torsten Schlimbach

Andreas Kümmert: Here I Am

Andreas Kümmert: Here I Am

Universal

VÖ: 04.04.2014

 

Wertung: 7,5/12

 

Casting-Shows sind eigentlich verpönt und längst auf dem absteigenden Ast. „The Voice“ ist da ein bisschen anders und wird selbst von kritischen Zeitgenossen gelobt. Trotzdem wird man auch hier das Gefühl nicht los, dass die Gesangstalente eher nur schmuckes Beiwerk und die Coaches die eigentlichen Stars des Formats sind, die in schöner Regelmäßigkeit zum Start einer neuen Staffel dann auch pünktlich ein neues Album in den Läden stehen haben. Zufälle gibt es. Eher nicht. Die dritte Staffel von „The Voice“ hat allerdings einen Sieger hervorgebracht, der alles in den Schatten stellte: Andreas Kümmert. Jetzt steht mit „Here I Am“ sein erstes Album für einen Major in den Läden.

 

Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass Andreas Kümmert ähnlich gut zu einem Castingformat passt, wie eine Tauchschule auf dem Himalaya. Eigentlich war sein Plan ja auch nur, dass er dort vielleicht seinen Namen ins Gespräch bringt und dann wieder verschwindet. Er hatte ja schon zu Beginn der Staffel festgestellt, dass „die kleinen Mädchen nicht für mich anrufen werden“. So kann man sich irren. Es ist zwar nicht überliefert, wer da für ihn angerufen hat, es waren aber derart viele, dass er die Show mit Leichtigkeit gewinnen konnte. Keiner der anderen Kandidaten hatte auch nur den Hauch einer Chance.

 

Danach zeigte sich auch, dass der Mann dem ganzen Stress Tribut zollen musste und er sich dem Zirkus der Top-Kandidaten, die auf Tour geschickt wurden, zunächst nicht anschließen konnte. Gesundheitliche Gründe wurden da angegeben. Ein paar voreilige Zeitgenossen wollten gar etwas wie Arroganz ausgemacht haben. Ja, viele Worte hat er nie verloren, aber dies gleich als Arroganz zu betiteln ist dann doch etwas weit hergeholt. Eigentlich ist es ja üblich, dass die Gewinner eines solchen Formats ziemlich schnell ein Album in die Läden stellen. Eigentlich. Auch hier tickt Andreas Kümmert etwas anders und es mussten erst knapp vier Monate ins Land ziehen, bis „Here I Am“ nun endlich startbereit ist. Der erste große Hype dürfte sich so zwar gelegt haben und so muss man wohl auf einige Käufer verzichten, aber letztlich geht es ja hier auch um Qualitätsmusik.

 

„Here I Am“ hat mit der aktuellen Popmusik – wie nicht anders zu erwarten – so überhaupt nichts zu tun. Die musikalische Sozialstation von Andreas Kümmert hört mit den 80ern auf. In diesem Falle ist das bitteschön positiv zu verstehen. „Here I Am“ ist ein wundervolle Mischung aus Soul, Blues und Rock der alten Schule. Natürlich hat er mit Max Herre und seinem Team keine Anfänger um sich gehabt, aber mit vier Alben im Rücken weiß er ja auch wo der Hase langläuft, auch wenn dies keine großen Produktionen waren. Sein Siegersong „Simple Man“ gab die Richtung im netten Soulgewand ja schon vor, ist aber sicher nicht der beste Song der Platte.

 

Mit dem kraftvollen Einstieg von „Here I Am“ legt er schon mal ein astreines Soulbrett mit einigen Funkanleihen vor. Das balladeske „Just Like You“ kann im Rockgewand ebenso überzeugen wie „Solid Gold“, welches die eine oder andere Reminiszenz an die 50er auffährt. Bei „Faith“ - eine weitere Ballade – fällt dann aber erstmals auf, was dieser Platte fehlt: die Livestimme von Andreas Kümmert. Das ist alles sicher nicht schlecht gesungen – im Gegenteil – aber erst im Livegewand kann der Mann seine volle Klangfarbe in die Waagschale werfen. In der Studioproduktion klingt das etwas nach angezogener Handbremse und da kann auch „For So Long“ im R&B Gewand kaum etwas dran ändern. Ausgerechnet der alte Gassenhauer „To Love Somebody“ ist Andres Kümmert wie man ihn von der Bühne kennt. Seine Duettpartnerin macht übrigens einen tollen Job.

 

Mit dem reduzierten „Open Eyes“ gibt es anschließend noch mal einen Gänsehautmoment und „Jordan“ ist dann sein ganz persönliches „With A Little Help From My Friends“ (in der Joe Cocker-Version). Da gibt es doch die eine oder andere Überschneidung. Man hätte sich für „Here I Am“ mehr Rocksongs wie „Sky Is Calling (Like My Daddy Said)“ gewünscht. Die 70er sind hier definitiv zurück und das mit Vollgas! Mit „Avalanche ( I Find My Way To You)“ schließt sich eine weitere Ballade an, bevor das schmissige „Nothing From Nothing“ die Platte zwischen Soul und Funk beendet.

 

Fazit: „Here I Am“ von Andreas Kümmert ist ein solides bis gutes Album zwischen Soul, Blues, Rock und ein bisschen Funk geworden. Die ganze Platte wurde toll arrangiert und um diesen Ausnahmesänger herum gebaut. Die Instrumente sind manchmal deutlich in den Hintergrund gemischt, damit die Stimme im Vordergrund steht. Das enge Korsett der Studioproduktion beraubt ihm allerdings auch ein bisschen seiner Stärke, nämlich dem intuitiven Gesang. Andreas Kümmert gehört einfach auf die Bühne, gerne auch mit diesen Songs! Insgesamt ist das aber eine erfreuliche Abgrenzung von dem ganzen Popmüll!

 

http://www.andreas-kuemmert.de/

 

Text: Torsten Schlimbach

S U C H E
Loading

Empfehlen Sie diese Seite auf:

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch