Anathema: Fine Days: 1999 – 2004 (3CDs/DVD)

Anathema: Fine Days: 1999 – 2004 (3CDs/DVD)

Music For Nations/Sony

VÖ: 10.04.2015

 

Wertung: 11/12

Tipp!

 

Es gibt nicht viele Bands, die eine solche Wandlung wie Anathema hinlegen. Die britische Band spielte zu Beginn der 90er noch Death Metal, landete dann beim Doom nur um sich schließlich dem Gothic Metal zu widmen. In der zweiten Hälfte der 90er fanden Anathema dann aber endgültig ihre Bestimmung: atmosphärischer Alternativ-Rock mit deutlichen Progreinflüssen. Der Gesang wurde klarer und plötzlich waren Keyboards auch das dominierende Soundelemente. Diese vielen Kurskorrekturen und Richtungswechsel sind sicherlich einer Entwicklung geschuldet, aber die vielen Besetzungswechsel dürften einen ebenso großen Anteil daran haben. Jetzt wird eine sehr interessante Phase der Band wiederveröffentlicht, denn „Fine Days: 1999 – 2004“ hat drei sehr starke Platten am Start und dazu noch die DVD „Were You There?“

 

Warum wird jetzt diese Box mit hinlänglich bekanntem Material in die Läden gestellt? Im Grunde ist die Geschichte dahinter recht unspektakulär. Music For Nations, jenes Label, bei dem die Platten von Anathema erschienen, ist jetzt wieder in den Schoß von Sony zurückgekehrt und im Zuge des Vertrages wird der Backkatalog der Liverpooler Band in digital optimierter Form erneut veröffentlicht. Die optisch ganz schöne Box schlägt mit einem Kampfpreis von unter 20 Euro zu Buche und ist somit ein richtiges Schnäppchen. Das eingeheftete Booklet ist jetzt zwar keine Sensation, enthält aber neue Liner Notes und die rudimentären Informationen. In bewährter Buchform ist die ganze Geschichte aber gerade haptisch eine feine Sache.

 

Schreibt man über „Fine Days: 1999 – 2004“, dann kommt man nicht umhin persönlich zu werden. Anathema hatte ich zwar irgendwie immer auf dem Schirm, aber nie die richtige Lust verspürt mich mit der Band weiter zu befassen. Bitte nicht noch eine Art Rock-Band. Bitte nicht schon wieder einer dieser progressiven Virtuosen, die das Wesentliche der Musik stets zu vergessen scheinen. So kann man sich täuschen. Diese drei Platten haben zumindest das Zeug in die Riege der Lieblingsplatten aufzusteigen. Vielleicht nicht sofort, auf lange Sicht gesehen aber schon. Dies ist unglaublich schöne und intensive Musik. Mit Herz und Seele. Es ist dann auch sicher nicht hinderlich, dass die Musiker wissen wie man die Instrumente spielt. Die Kompositionen sind jedenfalls ganz großes Kino!

 

„Judgement“ entstand nach dem Ausstieg von Hauptsongschreiber Duncan Patterson, wodurch die neue musikalische Ausrichtung mitunter zu erklären ist. Gitarrist Danny Cavanagh übernahm nun die vakanten Posten und schrieb Songs über die verstorbene Mutter der Cavanagh-Brüder. Drummer John Douglas steuerte allerdings auch noch Tracks für die Platte bei. Die Eröffnung „Deep“ wurde ganz wundervoll komponiert, die Gitarren sind auf eine verspielte Art regelrecht träumerisch. Die Songstrukturen sind nicht mehr so rockig, dafür gibt es die große Melancholiekeule. Langsam, sphärisch und traurig schälen sich „Forgotten Hopes“, „Anyone Anywhere“ und „2000 & Gone“ aus ihrem wunderschönen Kokon. „Parisienne Moonlight" überrascht sogar mit einer dominierenden Klavierbegleitung. „One Last Goodbye“ ist zudem ein sehr berührender Song. Die Gitarren sind kräftig, aber oftmals akustisch, wodurch sich ein völlig neues Klangbild in Bezug auf Anathema ergibt. Einsamkeit und Isolation sind die beherrschenden Themen der Platte. Sowohl textlich wie auch musikalisch wurde das extrem stark umgesetzt. Ein kleines Meisterwerk.

 

„A Fine Day To Exit“ steht der Platte aber in nichts nach. „A Fine Day“ ist ein dringlicher Opener, der von laut zu leise kongenial wechselt. Über der gesamten Platte schwebt eine Traurigkeit, die mit Worten kaum zu beschreiben ist. Dies driftet aber nie in eine platte Ecke ab. Man kann sich von der Melancholie treiben lassen. Aber Vorsicht, Gänsehautgarantie! Wie sich „Release“ bis hin zu der elektrischen Gitarre steigert ist einfach toll. Die Kompositionen sind auch auf diesem Album herausragend und das Zusammenspiel von Gesang und Instrumenten beeindruckend. Mit „Panic“ findet sich hier auch eine rockiges Alternativ-Brett wieder. Die weiblichen Backing-Vocals bei „Barriers“ und „Temporary Peace“ veredeln diese beiden Lieder und somit das gesamte Album zusätzlich. „Underworld“ ist auch so ein Track der Indiejünger begeistern wird. Freunde des gepflegten Metals sind aber spätestens jetzt mit Anathema nicht mehr gut bedient. Unter dem Strich ist das ein traumhaft schönes Meisterwerk!

 

Mit „A Natural Disaster“ ändert sich der Sound ein weiteres Mal. Zwar geschieht dies nicht ganz so radikal wie es einst Radiohead vollzogen haben, aber der Vergleich drängt sich trotzdem auf. „Harmonium“ geht zunächst in diese Richtung, packt dann aber doch noch schwere Gitarren aus. „Balance“ beginnt auch sehr ruhig und wechselt dann in die Radiohead-Ecke, was übrigens auch für „Closer“ gilt. „Kid A“ kann einem da durchaus in den Sinn kommen. Anathema sind dabei aber immer auf der Suche nach der perfekten Melodie und finden diese auch meist. Die Spannungsaufbau ist schon famos. „Pulled Under At 2000 Metres A Second“ ist in dieser Hinsicht schon die ganz große Kunst und dann entlädt sich das alles in einem Torso – wunderbar. Vieles auf dieser Platte ist aber elektronischer und auch das steht der typischen Anathema-Melancholie gut zu Gesicht. „Are You There?“ ist derart traurig, dass man da im stillen Kämmerlein durchaus mal eine Träne verdrücken wird. „Electricity“ nimmt auf eine kongeniale Art und Weise das vorweg, woran Coldplay viele Jahre später scheitern sollten. Anathema setzen eben nicht auf große Gesten, sondern lassen die Musik für sich sprechen und Melancholie – auch mit elektronischen Versatzstücken – muss nicht mit Pathos und Bombast überladen werden. Natürlich steht das fast elfminütige „Violence“ ganz am Schluss der Platte. Hier wird von Soundscape-Landschaften zur Härte des Metal auf spielerische Art und Weise gewechselt, dass es nur so eine Wonne ist. Das dritte Meisterwerk!

 

Auf der DVD ist dann das komplette Konzert vom 31.01.2004 in Krakau zu finden. Musik in Perfektion, die aber nie Herz und Seele vermissen lässt. „Are You There?“ ist eine Wonne. Lee Douglas unterstützt die Band mit ihrem Gesang zudem kongenial. Das TV Studio, wo diese Aufzeichnung stattfand, ist anscheinend genau der richtige Rahmen für Anathema. Visuell ist die Show der Engländer auch vom Feinsten und verstärkt den intensiven Eindruck, den die Musik sowieso schon hinterlässt. Die Songs von „A Natural Disaster“, „A Fine Day To Exit“ und „Judgement“ gewinnen so sogar noch mal. Es ist eine emotionale Fahrt. Bild und Ton sind schon recht ordentlich. Man sollte hierbei natürlich nicht vergessen, dass die Aufnahme nun auch schon elf Jährchen auf dem Buckel hat. Es wird mit Close Ups und Totalen gearbeitet und auch die Lichtshow trägt einen kleinen Teil zum sehr guten Gesamteindruck bei. Die drei Songs, die Anathema mit einem Streicherquartett in London aufgenommen haben, sind zwar von einer extremen Intimität bestimmt, die Kameraführung steht aber eher auf wackeligen Beinen. Kurze Live Edits, u.a. aus Hamburg und das Video zu „Pressure“ vervollständigen das Bonusmaterial.

 

Fazit: „Fine Days: 1999 – 2004“ bietet im Grunde für den Anathema-Fan nichts Neues. Die Aufmachung wäre hier das einzige Argument. Wer aber noch Lücken in seiner Sammlung hat, kriegt hier drei melancholische und traurige Meisterwerke geboten, die zudem komplett unterschiedlich sind. Alternative Musik, wie sie besser nicht sein könnte. Die Intensität, die von den Alben in ihrer Gesamtheit ausgeht, ist einfach beeindruckend. Die DVD zeigt zudem, dass Anathema auch live eine ganz besondere Band sind. Empfehlenswerte Sache!

 

http://www.anathema.ws/

 

Text: Torsten Schlimbach

 

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