Spock´s Beard: Snow – Live (Blu-ray)

Spock´s Beard: Snow – Live (Blu-ray)

Metal Blade/Sony

VÖ: 10.11.2017

 

Wertung: 12/12

Tipp!

 

Für Progrockfans - und besonders für Spock´s Beard-Fans - war das Jahr 2002 mit Höhen und Tiefen verbunden. Die Band veröffentlichte mit „Snow“ ein Meisterwerk und die Gruppe war auf dem besten Wege zu den Helden des Genres zu werden. Freilich tickten die Uhren damals noch etwas anders und Progrock war alles andere als die Musikrichtung der Stunde. In dieser Hinsicht hat sich der Wind in der Zwischenzeit ja wieder etwas gedreht und Steven Wilson hat dieser Nische neues Leben eingehaucht. Spock´s Beard hätten durchaus das Zeug gehabt da auch eine Vorreiterrolle zu übernehmen. „Snow“ konnte immerhin schon mal sehr gute Kritiken und beachtliche Chartsplatzierungen einheimsen. Blöd nur, dass Neal Morse die Band nach diesem Überalbum verließ.

 

Vierzehn Jahre später kam dann vorläufig doch noch alles zu einem guten Ende. Im Rahmen des Morsefests spielte die Originalbesetzung „Snow“ an einem Stück. Die Zuschauer vor Ort konnten ihr Glück kaum fassen. Dies kann man an den ganzen ungläubigen, aber auch strahlenden Blicken ablesen. Jeder in diesem Raum war sich der Besonderheit des Auftritts bewusst. Dies trifft ausdrücklich auch auf die Musiker auf der Bühne zu. Dauergrinser Morse nimmt da noch mal eine Ausnahmestellung ein.

 

Das Klangbild ist sensationell. Man darf dabei nicht vergessen, dass hier ja weit weniger Budget als bei großen Acts zur Verfügung gestanden haben dürfte. Dies liegt natürlich auch an den famosen Musikern. Übrigens darf man nicht vergessen, dass Nick D'Virgilio auch als Schlagzeuger zurückkehrte. Jimmy Keegan saß ebenfalls hinter der Schießbude und somit darf nun der geneigte Zuschauer auf der Couch zeitweise zwei Drummer bestaunen. Thad Kestens Team hat da auch ganz Arbeit geleistet und die ganze Sause wurde erstklassig eingefangen. Morse ist ja ein Derwisch und wechselt zwischen Keyboards, E-Gitarre und Akustikgitarre hin und her. Wenn er mal kein Instrument spielt, dann tanzt er. Das wirkt zwar etwas unbeholfen, aber sehr sympathisch und der Mann weiß ja überhaupt nicht wohin er mit all seiner Energie soll. Wenn man sich das so anguckt, dann müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht irgendwann doch noch mal Spock´s Beard in dieser Besetzung auftreten sollte. Morse genießt und kostet das jedenfalls ganz schön aus.

 

Für Emotionalität ist hier sowieso gesorgt. Dies fängt mit „Made Alive“ und „Overture“ an und hört erst bei „Falling For Forever“ wieder auf. Heimlicher Star ist Ryo Okumoto an den Keyboards. Der Mann überzeugt mit Präsenz und Brillanz. Der Vocodergesang bei „Long Time Suffering“ wirkt so auch gleich völlig unpeinlich. Seit 2002 haben ja nun wirklich genug Künstler dafür gesorgt, dass das eigentlich in den Giftschrank der Musikgeschichte gehört. Und wenn dann auch noch Nick D´Virgilio zusammen mit Morse singt, dann geht selbst der Meister anerkennend in die Knie. Die Kirche, die als Auftrittsort gewählt wurde, ist der passende Rahmen für die Progmesse. Mit Alan Morse ist übrigens der Bruder von Neal an der Lead Guitar dabei. Das Konzeptalbum „Snow“ wird musikalisch ganz formidabel in Szene gesetzt. Da kann man nur alle Hüte ziehen. Chapeau!

 

Die Harmony-Vocals zählen mit zum Besten, was man auf diesem Sektor geboten bekommt. Das hört sich alles so spielerisch einfach an, dabei sind unglaublich viele komplexe Passagen eingebaut. Dies betrifft auch die musikalische Feinabstimmung. Bei „I´m Sick“ gibt es drei Gitarren, Doppel-Drums, Trompete und Saxofon zu hören. Sensationell, wie die Musiker das gemeinsam umsetzen – und zwar ohne, dass es angestrengt wirkt. Was unterscheidet Spock´s Beard von anderen Genre-Bands? Der Groove in Verbindung mit dem Rock! Und es wirkt überhaupt nicht verkopft! Man darf dabei ja nicht den Aufbau von „Snow“ vergessen, denn dieser ist hochkomplex, dann wiederum sehr atmosphärisch, geht aber auch knackig wie die berühmte Luzie ab.

 

Es gibt übrigens noch eine zweite Blu-ray obendrauf. Dort darf man noch „June“ und „Falling For Forever“ bewundern. Letzterer Track ist der berühmt berüchtigte Longtrack, den Morse extra für das Best Of „The First Twenty Years“ aus dem Jahre 2015 geschrieben hatte. Spätestens hier dürfte auch dem letzten Träumer klar sein, dass die Band nur in dieser Konstellation magisch ist. Morse ist ohne die Band übrigens auch nur die Hälfte wert. Zurück zum Geschehen: das Schlagzeugsolo von – oder sollte man zwischen sagen? - Nick D‘Virgilio und Jimmy Keegan ist schon sehr sehenswert. Die beiden Protagonisten wurden dabei übrigens mittels Bildausschnitt nebeneinander gelegt. Ein sehr aufschlussreiches „Making Of“ zeigt noch mal, dass alle Beteiligten mit sehr viel Leidenschaft dabei waren. Endlich mal eine Band, die ordentliches Bonusmaterial am Start hat!

 

Fazit: „Snow – Live“ von Spock´s Beard ist ein sensationelles Ereignis – auch aus der Konserve. Die Intensität und die musikalische Brillanz sucht ihresgleichen. Spock´s Beard ist die beste aktuelle Progband – wenn sie in dieser Konstellation nicht schon wieder Geschichte wäre. „Snow“ ist zudem eines der besten Genrealben! Selbiges wurde perfekt inszeniert und klanglich und bildlich vorzüglich eingefangen. Das war und ist ein Ausnahmekonzert und mitunter eine der besten Liveaufnahmen des Jahres! In gewisser Weise wurde da Geschichte geschrieben und nun kann die ganze Welt daran teilhaben! Höchstwertung!

 

http://www.spocksbeard.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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