Grateful Dead: Fare Thee Well (3 CDs/2 DVDs)

Grateful Dead: Fare Thee Well (3 Cds/2 DVDs)

Rhino/Warner

VÖ: 20.11.2015

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Dieses Jahr luden Grateful Dead am 3., 4. und 5. Juli nach Chicago ein, um zu den allerletzten Konzerten der Band zu pilgern. Das Soldier Field platzte jedes Mal aus allen Nähten. Vor Ort fanden sich an den drei Abenden 200.000 Fans ein um dieser außergewöhnlichen Kapelle zu huldigen. Unzählige weitere Anhänger machten sich auf um den Übertragungen in den Kinos beizuwohnen und auch auf die TV-Geräte wurde die Messe per Pay-TV übertragen. Der letzte Auftritt von Grateful Dead zuvor fand mit dem 1995 verstorbenen Jerry Garcia vor ziemlich genau 20 Jahren statt. Dieses Jahr hatte sich die Band also dazu entschlossen sich richtig von der Bühne und den Fans zu verabschieden. Für diese Kapelle, die weit mehr als 2.000 Shows gespielt hat, gehört sich das auch so. Die Studioalben waren zwar immer nett und gut bis sehr gut, aber erst live entfaltete die Musik ihre volle Wirkung. Und davon kann man sich nun noch mal überzeugen lassen!

 

„Fare The Well“ erscheint – dem Zeitgeist entsprechend – natürlich in verschiedenen Konfigurationen. Die Ausgestaltung ist schon sehr üppig und man sollte da mindestens auf die 3CD/2DVD oder 3CD/3Blu-ray-Version zurückgreifen. Es ist nicht ganz ungeschickt, dass eine „Best Of“ aus allen drei Shows als Einzel-CD erscheint, die nicht bei den oben erwähnten Packages dabei ist. Da kann man mitunter den Fan gleich noch mal zur Kasse locken. Wer zum Kreise der Hardcore-Anhänger gehört, wird aber sowieso das große Ganze über die Bandhomepage erwerben. Die drei Shows sind nämlich vollständig als 12-CD/7-DVD bzw. 12-CD/7-Blu-ray dort erhältlich. Die Sause ist auf 20.000 individuell nummerierte Exemplare limitiert. Dieses üppige Set enthält obendrein die Musik von den Circles Around The Sun-Auftritten zwischen den Grateful Dead-Shows, oder mit anderen Worten: sämtliche Musik dieser drei Tage gibt es dort zu hören. Dies dürfte sicherlich ein wundervolles Komplettpaket sein.

 

Die Aufzeichnung der letzten Show sollte es aber mindestens sein und die gehört auch in jede anständige (Rock-)Musiksammlung! Dieses Konzert darf mit Fug und Recht als historisch bezeichnet werden. Zwar fehlt mit Jerry Garcia die große Identifikationsfigur, aber Trey Anastasio von Phish gibt sein Bestes diese Lücke mit Leben zu füllen und das macht er brillant. Anastasio gilt ja nicht umsonst als einer der weltbesten Gitarristen. Er hat auch sichtlich Spaß an dem Konzert und steigert sich immer wieder in ungeahnte Gitarrenhöhen. Ein Meister seines Fachs.

 

Es macht überhaupt Spaß den Herren bei der Verrichtung der Arbeit zuzugucken. Was heißt da überhaupt Arbeit? Es ist eine Berufung und das sieht man ganz deutlich! Wie sie da auf die Bühne schlurfen und erstmal nett in das beeindruckende Rund winken, ist schon ziemlich ungewöhnlich. Bob Weir sieht dazu in seinen Shorts, dem abgeranzten T-Shirt und seinen Jesuslatschen aus, als käme er direkt vom Grill auf die Bühne. Bill Kreutzmann hat was von einem Trucker, muss aber aufpassen, dass sein Bäuchlein ihn nicht vom Stuhl kippen lässt. Phil Lesh hingegen gibt den Holzfäller und Mickey Hart den typischen Ami, der gerade von seinem Football-Spiel weggelockt wurde. Kurzum, die Herren von Grateful Dead sind die netten Jungs von nebenan und verkörpern optisch durchaus ihre Heimat – mit allen Klischees. Wo andere Bands mit allerlei dramaturgischem Zauber ein Konzert einleiten, grinsen sich diese Musiker hier einen ab. Die Fans feiern – ein letztes Mal und mit einer Träne im Knopfloch.

 

Gespielt wurden an diesen drei Trage jeweils zwei komplette Sets. Die Band fängt im Hellen an und haut mit dem epischen „China Cat Sunflower“ gleich mal ein ordentlich verdrehtes Brett raus. Das ist im Grunde ein Stück, welches die ganze musikalische Welt von Grateful Dead vereinigt: Folk, Bluegrass, Psychedelic Rock und natürlich auch Country und Blues. Da sich der Gesang oftmals geteilt wird oder immer ein anderer das Mikro übernimmt und es die gewohnt langen Instrumentalparts gibt, können sich die Musiker meist voll und ganz auf ihre Instrumente konzentrieren. Selbst Trey Anastasio und Bruce Hornsby dürfen sich gesanglich in Szene setzen.

 

Die Show verändert sich auch nicht sonderlich, als die Dunkelheit einsetzt. Warum auch? Klar, auf dem Screen gibt es allerlei bunte psychedelische Farben zu sehen – besonders bei dem spacigen Drum-Soloteil von Kreutzmann und Hart, aber mehr braucht es auch nicht. Na gut, ein amtliches Feuerwerk beendet die erste DVD und läutet die zweite ein. Die Fans vor Ort sind jedenfalls happy. Die Kameras fangen die Zuschauer immer wieder ein: es wird getanzt, gesungen und für diesen Moment des Konzerts scheint die Welt still zu stehen. Es ist auch ein Treffen der Generationen. Da erzählt vor dem Konzert die nette Omi, dass sie schon bei der ersten Show anwesend war und jetzt natürlich auch bei der letzten. Eine andere sucht Karten – es wäre ihr ersteS Konzert von Grateful Dead. Wieder ein anderer kommt direkt aus dem Krankenhaus. Und alle tragen sie die bunten Shirts. Batikmode ist bei Grateful Dead eben Pflicht!

 

Während des Konzerts gibt es viele Soli in allen möglichen Ausschmückungen und Schattierungen. Auf der Zielgeraden haut die Band mit „Not Fade Away” , „Touch Of Grey” und „Attics Of My Life” ein richtiges Brett raus. Jerry Garcia wird da auch noch mal bildlich gewürdigt. Dann ist Schluss und Hart sagt der tosenden Menge, dass sie diesen Augenblick im Herzen tragen und mit nach Hause nehmen sollen. Grateful Dead sind danach Geschichte. Es war eine Geschichte mit vielen und spannenden Kapiteln, die die Welt bereichert haben.

 

Die Aufmachung der Box kommt im gewohnten Rhino-Stil. Das Booklet enthält viele Fotos, aber auch ein schönes Vorwort von David Fricke vom Rolling Stone. Der Sound ist schlichtweg brillant. Da ist jede noch so kleine Nuance fein säuberlich zu hören. Gerade die vielen Frickelteile kommen dabei sehr gut zur Geltung und unterstreichen noch mal ganz dick, dass dies einfach ganz famose Musiker sind. Die Kamerafahrten und der Schnitt sind sehr angenehm ausgefallen und eine Wohltat für die Augen. Junge Bands und Regisseure übertreiben es da ja leider immer. Kompressionsartefakte sind keine zu finden, der Schwarzwert ist topp, die Detailschärfe für eine DVD sehr gut und auch der Kontrast ist gut eingestellt.

 

Fazit: „Fare Thee Well“ hat das letzte Konzert von den Grateful Dead wunderbar für die Nachwelt festgehalten. Die technische Seite wird dieser wundervollen und einzigartigen Kapelle voll und ganz gerecht! Die Show ist selbstredend brillant und der Sound dazu ein Gedicht. Dies ist ein würdiger Abschluss ein ganz großen Karriere. So ganz nebenbei wird da auch noch der 50. Geburtstag gefeiert. Dieses 5-Disc Set gehört in jede Musiksammlung! Punkt und Danke!

 

http://www.dead.net/

 

Text: Torsten Schlimbach

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